Arbeitskampf in Frankreich: Ein heißer Herbst ist in Sicht

Die Protestkultur ist in Frankreich etwas konfliktorientierter: Mit der Androhung, ihre Fabrik zu sprengen, kämpft die entlassene Belegschaft von New Fabris für Abfindungen.

Stärkeres Drohmittel als Trillerpfeifen und Transparente: Gasflaschen. Bild: dpa

Die 19 Gasflaschen sind vorerst vom Dach. Das war die Bedingung von Industrieminister Christian Estrosi. Am Mittwochmittag wird er die Sprecher der Ex-Beschäftigten des Automobilausstatters New Fabris an seinem Amtssitz in Paris empfangen. "Weil sie auf Gewalt verzichtet haben", erklärte er. Für die Entlassenen ist der Empfang in Paris ein erster Hoffnungsschimmer für eine Abfindung nach monatelangen, einsamen und vergeblichen Erklärungen, Besetzungen und Demonstrationen. Damit der Minister sie hört und sich für sie einsetzt, haben sie am Montag eine Vollversammlung organisiert. Stehend und mit erhobener Hand entschieden sie, ihre Dohung, die Fabrik zu sprengen, auszusetzen.

Ohne die Idee mit den Gasflaschen wären die Beschäftigten von New Fabris im westfranzösischen Châtellerault eine kleine Zahl in der großen Krisenstatistik geblieben: 366 zusätzliche Arbeitslose. Im Juni hat ein Gericht in Lyon entschieden, dass ihre Fabrik abgewickelt wird, 72 Jahre nach der Gründung. Letzter Auslöser für die gerichtliche Schließung waren zwei Vertragskündigungen: Renault und PSA, die beiden französischen Autogiganten, die jahrelang 90 Prozent der Produktion von New Fabris kauften, beendeten die Zusammenarbeit. Damit war das Schicksal der Fabrik besiegelt.

Für die 366 Entlassenen gab es keine Chance auf eine Weiterbeschäftigung. Aber eine Abfindung, die diesen Namen verdient, wollen sie haben: 30.000 Euro pro Person. Zahlen sollen, so ihre Forderung, die langjährigen Hauptkunden Renault und PSA (Peugot Citroën). Doch weder bei den beiden großen Konzernen noch bei der Regierung in Paris stießen sie auf Gehör. Als einzige Spitzenpolitikerin zeigte die sozialdemokratische Präsidentin der Region Poitou-Charentes, Ségolène Royal, Verständnis.

Die 366 Entlassenen eroberten dennoch die Medien. Sie taten es, indem sie 19 Gasflaschen auf das Dach ihrer früheren Fabrik trugen, Zünder installierten, die Presse vorluden und ein Ultimatum setzten.

Unmaskiert, mit vollem Namen und vor laufenden Fernsehkameras erklärten sie: "Wenn wir bis zum 31. Juli keine Abfindung bekommen, sprengen wir alles in die Luft." Die Maschinen, und die - teilweise erst in diesem Jahr angeschafften - Roboter wurden zu ihrem Joker gegenüber Medien, Politik und Autoindustrie.

Ihr Beispiel hat in Windeseile Schule gemacht. Seit dem Fanal der "New Fabris" haben bereits zwei andere von Entlassung bedrohte Belegschaften ihr Arbeitswerkzeug als Druckmittel benutzt. Bei dem Telekommunikationshersteller Nortel in Châteaufort bei Paris und bei dem Autozulieferer JLG in Tonneins in Südfrankreich hat die Drohung mit Sprengung bereits für Verhandlungen gesorgt. Jetzt ist die Reihe an den "New Fabris".

Industrieminister Christian Estrosi, der erst im Juni sein Amt angetreten hat, betätigt sich seither als Entschärfer von sozialen Minen. Gegenüber allen Belegschaften, die mit Sprengungen drohen, vertritt Estrosi die Position: Ich reagiere nicht unter Druck. Sobald die Explosivstoffe entschärft sind, tritt er in Verhandlungen. Und bietet seine Mittlerdienste an.

Die Drohung mit der Sprengung ist eine neue Intensität in der sozialen Radikalisierung in Frankreich. Die Vorstufe waren drei nationale Streik- und Aktionstage am Anfang dieses Jahres. Doch die von den Gewerkschaften erhofften politischen Reaktionen von der Spitze blieben aus. Seither hat sich die soziale Krise an einzelne Brennpunkte verlagert. Ausschließlich Unternehmen in der Privatwirtschaft sind betroffen. Und vielfach solche, in denen der gewerkschaftliche Organisationsgrad niedrig ist. Es rächt sich, dass die Patrons jahrzehntelang den Aufbau gewerkschaftlicher Strukturen und eine Gesprächskultur behindert haben.

Im Frühsommer begannen fast gleichzeitig Geiselnahmen an verschiedenen Standorten. Bei Sony, Caterpillar und Molex hielten Beschäftigte ihre Patrons über Nacht fest. Immer mit dem Ziel, Verhandlungen zu erzwingen. Die Ankündigung einer bevorstehenden "sozialen Revolte" machte die Runde - auch im Kreise rechter Politiker aus der Präsidentenpartei UMP.

Die Sprengungsandrohungen, die im Ferienmonat Juli Schlagzeilen machen, schrecken die Regierung erneut auf. Wie schon im Frühling erklären rechte Spitzenpolitiker, darunter Arbeitsminister Darcos und der Industrieminister, ihr "Verständnis für die Sorge" der Beschäftigten. Und warnen zugleich vor "Desperadoaktionen".

Soziologen, die seit langem die französischen sozialen Konflikte beobachten, betrachten die Zerstörung des Arbeitswerkzeugs als neue Qualität. Viele vermuten darin Vorzeichen eines "heißen Herbstes".

Und niemand mag ausschließen, dass es weitere Nachahmer solcher Aktionen geben wird. Zugleich wissen alle, dass sie eher ein Zeichen von Verzweiflung sind als eine neue soziale Strategie.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de