Kunst in der DDR: Transitraum Punk

Zu Punk und Poesie lud das Centraltheater ein: Abseits des Mauerfalljubiläums feiern DDR-Künstler in Leipzig. Der ehemaligen DDR Underground erlebt eine Auferstehung.

Bier und Stasi: Bands aus der ehemaligen DDR zeigen, dass sie zu Unrecht vergessen sind. Bild: dpa

"Hey, stellt hier mal 'nen Aschenbecher hin, und dann setzen wir uns alle an einen runden Tisch", schreit ein Punk im Theater. Einer, der heute immer noch Punk ist. "Ich komme mir hier fehl am Platz vor, so als Unstudierter." Wie bei Schreinemakers oder wie die heißt sei das hier, brüllt er und schmeißt eine Flasche Bier in Richtung Bühne. Bert Papenfuß ist kurz versucht, seine zurückzuwerfen.

Der Lyriker sitzt mit anderen DDR-Künstlern auf der Bühne des Leipziger Centraltheaters. Dort wurde unter dem Titel "Ihr habt es nicht ANDERS gewollt" eine Revue zum ehemaligen Underground in der DDR geboten. Alt-Aktivisten waren eingeladen, zwei Tage lang den musikalischen, literarischen und filmischen Abgesang auf die DDR zu zelebrieren, jenseits des omnipräsenten hochgejubelten Mauerfalljubiläums. Irgendwo zwischen Erinnerung, Witz und Weiterentwicklung schwelgten sie. Er hätte nie gedacht, diese Bands überhaupt jemals wieder auf einer Bühne erleben zu dürfen, freute sich Moderator Ralf Donis.

Und tatsächlich, Die Freunde der italienischen Oper, Ornament & Verbrechen oder die aus Wutanfall hervorgegangenen Pfff… waren mit dem Ende der DDR mehr oder weniger in der Versenkung verschwunden. Bands wie Die Art oder Herbst in Peking gibt es immer noch oder schon wieder. Jetzt spielen sie Auftritte, die zeigen, dass sie auch heute noch aktuell sind. Statt selbst zusammengezimmerter Ersatzinstrumente stehen nun Laptops auf der Bühne, oder schick gekleideter Postpunk erklingt.

Nostalgische Erinnerungen weckte das Filmprogramm. In dem Film "Poesie des Untergrunds", der an die immer wiederkehrende Thematisierung des Phänomens "Ostpunk" anschließt, blicken altbekannte Gesichter zurück auf ihre Geschichte. Die Künstler des Prenzlauer Bergs sagen Sätze in die Kamera, wie: "Der IM Sascha hat doch versucht, der Stasi diese Musik schmackhaft zu machen", "Punk war der Transitraum auf dem Weg woandershin", oder: "Über die Achtziger konnte man eigentlich nur lachen, nur hat das damals niemand gemacht".

Jetzt wurde gelacht. In dem Film "Die Wahrheit über die Stasi" von 1992 wird die fiktive DDR 2008 erdacht, kurz vor ihrem 60-jährigen Bestehen. Eine Satire über die Beklopptheit der Stasi, die unter filmischen Aspekten wohl in die Kategorie Dilettantentrash fällt, sodass der Filmemacher selbst nicht glauben wollte, dass sich den gerade hundert Menschen angeschaut und sogar Beifall geklatscht hatten. Der Applaus fiel aber im Laufe der Veranstaltung immer zurückhaltender aus.

War am ersten Abend das Haus voll, tanzten die Leute noch zu den alten Helden oder Freunden und freuten sich offenbar über diverse Wiedersehen, so war am zweiten Abend die Luft raus.

Vielleicht waren die Gesänge der Gehirne in Fantasiesprache, die nur aus Vokalen zu bestehen scheint, oder das Zeitungzusammenknüllen am Mikrofon von Pfff… doch zu experimentell, vielleicht waren vier Lesungen, vier Filme und vier Bands auch zu viel des Guten, vielleicht interessiert es auch nicht mehr.

Relevant schien dieser Abgesang sowieso vor allem denen, die damals fleißig mitgesungen hatten, auch wenn vereinzelt jüngere Gesichter oder, seltener, Besucher aus dem Westen im Publikum waren. Sie alle diskutierten, was Untergrund überhaupt sein soll, betonten, dass die Stasi natürlich nicht so lustig war, und stellten fest, dass die damaligen Bands heute gut ins Theater passen. Dass es trotz Rauchverbots und Talkshowähnlichkeit durchaus noch punkig zuging, dafür sorgten auf der nächtlichen Party ein kaputter Plattenspieler und der Besuch der Polizei. Nur die Aschenbecher standen weiterhin vor der Tür.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de.