Kommentar zu Ende der Atomkraft in Litauen: Halber Erfolg für Europa

Das litauische Atomkraftwerk Ignalina geht vom Netz. Doch erst wenn die EU beim Aufbau von Alternativen so stark ist wie beim Abschalten veralteter Technik, kann ihre Energiepolitik wirklich erfolgreich sein.

Beim litauischen Atomkraftwerk Ignalina zeigt sich eindrucksvoll, welche positive Rolle die Europäische Union energiepolitisch spielen kann. Sie hat die sinnvolle Entscheidung, diesen Schrottreaktor der Tschernobyl-Baureihe stillzulegen, konsequent durchgezogen. Dabei ließ sie sich von den Protesten der Wirtschaft ebenso wenig beeindrucken wie von einer Regierung, die bis zuletzt hoffte, die Entscheidung dadurch aufschieben zu können, dass sie den Aufbau von Alternativen verweigerte.

Langfristig setzt Litauen weiter auf Atomkraft - auch wenn der gemeinsam mit Polen und den baltischen Nachbarn geplante Druckwasserreaktor immer wieder verschoben wird und nach den schlechten Erfahrungen in Finnland immer weniger realistisch erscheint. Windenergie hingegen spielt in Litauen trotz guter Bedingungen bisher keine Rolle.

Durch dieses Versäumnis wird das baltische Land künftig von Energieimporten abhängig sein, die überwiegend aus Russland stammen. Eine Versorgung aus dem Westen ist nicht möglich, weil lange geplante Leitungen noch immer nicht existieren. Hier zeigen sich die Defizite der europäischen Energiepolitik: Eine grenzüberschreitende Koordination ist noch immer nicht gegeben. Der Bau von Leitungen und Kraftwerken liegt allein in der Hand von Nationalstaaten oder einzelnen Konzernen.

Das bringt Probleme - nicht nur für Staaten wie Litauen, sondern langfristig für die gesamt EU. Denn deren ambitionierte Klimaschutzziele lassen sich nur erreichen, wenn der Strom künftig flexibler verteilt werden kann und Überschüsse, etwa bei starkem Wind im Norden, leichter über Grenzen hinweg in andere Staaten exportiert werden können. Erst wenn die EU beim Aufbau von Alternativen vergleichbar stark ist wie beim Abschalten veralteter Technik, kann ihre Energiepolitik wirklich erfolgreich sein.

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Jahrgang 1971, ist Korrespondent für Wirtschaft und Umwelt im Parlamentsbüro der taz. Er hat in Göttingen und Berkeley Biologie, Politik und Englisch studiert, sich dabei umweltpolitisch und globalisierungskritisch engagiert und später bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen in Kassel volontiert.   Für seine Aufdeckung der Rechenfehler von Lungenarzt Dr. Dieter Köhler wurde er 2019 vom Medium Magazin als Journalist des Jahres in der Kategorie Wissenschaft ausgezeichnet. Zudem erhielt er 2019 den Umwelt-Medienpreis der DUH in der Kategorie Print. Derzeit beschäftigt er sich neben seinen sonstigen Themen intensiv mit der Entwicklung der Corona-Epidemie, auch auf seinem Twitter-Account @MKreutzfeldt .

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