Kolumne Thinktanks: Im Geiste des Panzers

Das rot-grün-rote Institut Solidarische Moderne hat das Format Thinktank unter veränderten Vorzeichen auf die Agenda gesetzt. Was ein Thinktank ist - und was nicht.

"Tank" bedeutet, übersetzt aus dem Englischen, auch "Panzer". Bild: Randen Pederson – Lizenz: CC-BY-SA

Und wieder einmal sind die Parteien schuld. Statt von einer am Gemeinwohl orientierten Koalition würden wir von den Partikularinteressen von CDU, CSU und FDP regiert, so die Klage der Kommentatoren. Doch wie authentisch und ursprünglich sind diese angeblichen Egoismen eigentlich? Aufgrund welcher Ratschläge "positionieren" sich die Parteistrategen, wer versorgt sie mit ideologischem Stoff? Ist das nicht der Job der sogenannten Thinktanks?

Könnte man meinen. Weil deren Personal aber selten zu sehen ist - weder handelt es sich um die subtil nach vorne gebeugten Souffleure in der zweiten Reihe noch um die Verfasser sogenannter "Sprechzettel" -, geben sie Anlass zu verschwörungstheoretischen Projektionen. Während der Bush-Ära war oft vom militärisch-politischen Einfluss der "neokonservativen Thinktanks" die Rede, und manch einer hält hierzulande die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft für die Einflüsterer der FDP-"Steuern runter!"-Propaganda. Überhaupt stellt man sich unter Thinktanks eher rechts angesiedelte Umschlagplätze für Herrschaftswissen vor.

Jedoch hat das rot-grün-rote Institut Solidarische Moderne, dessen Vorstand sich kürzlich das erste Mal traf, das Format Thinktank unter veränderten Vorzeichen auf die Agenda gesetzt - schließlich wollen deren Gründer die "Hegemonie des Neoliberalismus" brechen. Da trifft es sich gut, dass bei dem rührigen Diskursverlag diaphanes gerade ein handlicher, kleiner Reader über Thinktanks erschienen ist, Untertitel: "Die Beratung der Gesellschaft".

So politisch unheimlich, weil unfassbar Thinktanks sein mögen: Die Herausgeber Thomas Brandstetter, Claus Pias und Sebastian Vehlken verpassen ihnen ein geradezu utopisch anmutendes Image. Thinktanks fungierten als "Medium der Zeitverzögerung" und "Reservoirs von Anachronismen". Ja, sie könnten sogar "Orte subversiver Taktiken" sein, schließlich entstehe hier ein "interventionistisches Wissen". Nicht nur wegen des militärischen Ursprungs der Thinktanks, auch angesichts der arg angestaubten deutschen Thinktank-Landschaft, in der neben der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft Organisationen wie die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik oder der Bürgerkonvent Politik beraten wollen, klingt die "Epistemologie der Beratung" der diaphanes-Autoren reichlich euphemistisch, ja fast haltlos euphorisch.

Und je weiter man in dem Bändchen liest, desto mehr kommt es einem so vor, als könnten Thinktanks zu realpolitischen Relaisstationen für die avancierte politische Theoriebildung von Denkern wie Alain Badiou, Giorgio Agamben oder Jacques Ranciere umgedeutet werden. In den diskurstheoretischen Analysen und historischen Untersuchungen werden sie als schillernde Möglichkeitsräume beschrieben, als Orte, an denen das politisch ganz Andere vorbereitet werden könnte. Hatte nicht schon Herman Kahn, der legendäre Mitgründer des Hudson-Instituts, in den Sechzigerjahren vom "Denken des Undenkbaren" gesprochen, das in Thinktanks stattfinde?

Darüber hinaus wurden dort offenbar frühzeitig "flache Hierarchien" erprobt. In einem Abschnitt über die RAND Corporation, den 1946 zur Beratung der Streitkräfte der USA gegründeten Urtypus des modernen Thinktanks, heißt es über die alltägliche Arbeit im Tank: "Sie verband sich mit einer besonderen akademischen Lebensform, zu der offene Bürotüren, avantgardistische Kunst, Meetings auf dem Fußboden, stillschweigend tolerierte Homosexualität, exzentrische Hobby oder selbst eine trotzkistische Vergangenheit gehörten."

War der erste Thinktank also postfordistisch avant la lettre? Was die Autoren des Buchs nicht sagen: Die Atmosphäre bei der RAND Corporation deutet an, dass die postfordistische Zwanglosigkeit im Kontext des Militärischen entstanden ist, Individualisierung und neue Freiheiten also ursprünglich mit dem Kommando verbunden sind. Die Geburt der neoliberalen Regierungstechniken aus dem Geiste des Panzers/Tanks: Da muss es nicht wundern, dass der Appell zu Eigenverantwortung und Selbstbestimmung heute oft genug als Disziplinarmaßnahme erfahren wird.

Umso seltsamer, dass diese ambivalente Genealogie in der beliebten deutschen Übersetzung von Thinktank zur "Denkfabrik" vereindeutigt wird. Auch die Gründer des Instituts für Solidarische Moderne hantieren in Interviews mit diesem Begriff. Dabei klingt das kein bisschen nach kreativer Abhängökonomie, sondern viel eher nach klassischer Charlie-Chaplin-Moderne, nach Ideenproduktion am Fließband und Brainstorming nach der Stechuhr. Aber vielleicht verrät genau das ja etwas über die Realität des zeitgenössischen Kreativarbeiters?

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Politikwissenschaftler, Referent für Kulturpolitik in der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Autor für verschiedene Publikationen. Er schrieb von 2009 bis 2016 die monatliche taz-Kolumne "Bestellen und Versenden", seither freier taz-Autor. Themen: Popmusik, Theorie, Ideologiekritik.

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