Polizeigewalt in Ägypten: Jenseits der roten Linie

Proteste nach dem Tod eines jungen ägyptischen Mannes zeigen die Bedeutung des Internets für Oppositionelle in ganz Arabien – aber auch seine Grenzen.

Gegen Polizeiwillkür: Ein Demonstrant in Alexandria vor dem Foto des getöteten Said. Bild: ap

Wahrscheinlich sind es die beiden Bilder nebeneinander, die zu dieser Reaktion geführt haben. Der junge Ägypter Khaled Said blickt freundlich und zuversichtlich in die Kamera. Er sieht so aus, wie sich eine ägyptische Schwiegermutter ihren Schweigersohn erträumt. Und dann das zweite: Seine Leiche: er ist kaum mehr wiederzuerkennen mit seinem gebrochenen Kiefer und seinem vollkommen entstellten Gesicht.

Es sind zwei Fotos, die man nicht mehr vergisst, wenn man sie gesehen hat. Und sie kursieren im Internet hundertfach, auf YouTube, im Netzwerk Facebook oder auf den Seiten ägyptischen Blogger. "Dein Blut wird nicht billig sein", heißt es in einer Internetnotiz. Mehrere hunderttausende Male ist diese virtuelle Anklage gegen die Polizeigewalt in Ägypten inzwischen angeklickt worden. Dort wurden zwei Facebookseiten in Gedenken an Khaled und zur weiteren politischen Mobilisierung eingerichtet. Auf einer der beiden mit dem Titel "Ich heiße Khaled Said" sind bisher fast 220.000 Menschen registriert, um Neuigkeiten im Fall Khaled zu erfahren. Einer weiteren mit dem Titel "Wir sind alle Khaled Said" folgen fast 130.000 Menschen.

Die Nachricht des 28-jährigen Khaled, der von zwei Polizisten in Alexandria auf offener Straße totgeprügelt wurde, verbreitete sich schnell im Netz. "Er stirbt, ,Hört auf!', sollen Passanten noch geschrien haben." Warum es die Polizisten ausgerechnet auf Khaled abgesehen hatten, ist noch unklar. Laut dem Innenministerium soll er drogenabhängig gewesen sein und sich geweigert haben, sich gegenüber Zivilpolizisten auszuweisen. Gestorben sei er an den Drogen, die er beim Auftauchen der Polizisten heruntergeschluckt habe.

Das Bild seiner geschundenen Leiche lässt andere Interpretationen zu. Augenzeugen erzählen, dass Khaled zuerst von den beiden Polizisten in einem Internetcafé geschlagen wurde, dass sein Gesicht an einer Marmorplatte aufgeplatzt sei. Nach Protest des Cafébesitzers hätten die beiden den jungen Mann dann mit nach draußen genommen und dort so lange geprügelt, bis sie seinen leblosen Körper abtransportiert haben. Später wurde die Leiche in der Nähe abgelegt.

Khaleds Eltern haben inzwischen gegen den Innenminister und die staatlichen Medien, die die Version von den heruntergeschluckten Drogen verbreitet haben, eine Verleumdungsklage erhoben. Sie behaupten, die Polizei habe es auf Khaled abgesehen, weil er im Besitz eines Videos war, das die Polizisten beim privaten Aufteilen konfiszierter Drogen zeigen soll. Auch dieses Video kursiert inzwischen auf YouTube, inzwischen 240.000 Male angeklickt.

Währenddessen werden die Ägypter über Facebook immer wieder zu neuen Aktionen aufgerufen, um gegen den Tod Khaleds und gegen fast 30 Jahre Notstandgesetze und Polizeiwillkür zu protestieren. Sowohl in Kairo als auch in Alexandria kam es zu Demonstrationen. In Alexandria waren die Menschen letzten Freitag aufgerufen, sich schwarz zu kleiden und an die Uferpromenade am Mittelmeer zu stellen. Hunderte folgten dem Aufruf, viele saßen an der Promenade und lasen den Koran. Die Polizei blieb machtlos und rief die Menschen vereinzelt auf, weiterzugehen. Und auch diese Aktion fand wenige Stunden später mit Fotos und Videos auf Facebook, in Blogs und auf YouTube ihren Niederschlag.

Das Internet ist in Ägypten zum Oppositionsführer geworden. Gerade Facebook wird nicht nur in Ägypten, sondern überall in der arabischen Welt zu einem wichtigen Kommunikationsmittel, jenseits der staatlichen Zensur und der roten Linien, an die sich auch die unabhängige Presse halten muss. In der arabischen Welt gibt es inzwischen, laut einer Studie der "Spot on Public Relation"-Agentur in Dubai, mehr Facebook-Nutzer als Zeitungsleser. Danach nutzen 15 Millionen Menschen in der arabischen Welt das soziale Internet-Netzwerk Facebook, verglichen mit der Auflage von etwas weniger als 14 Millionen Zeitungen, die auf Arabisch, Englisch und Französisch in der Region erscheinen.

"Facebook und andere soziale Internet-Plattformen beginnen nun zu definieren, wie Menschen Informationen entdecken und teilen und wie sie sich eine Meinung bilden", sagt Carington Malin, Vorstand der Spot On Public Relation. Fünf arabische Länder stellen 70 Prozent der arabischen Facebook-Nutzer: Ägypten, Marokko, Tunesien, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Allein 3,5 Millionen neue Teilnehmer kamen dazu, seit Facebook auch die arabische Schrift unterstützt. Allerdings benutzen laut der Studie 50 Prozent der Menschen in der arabischen Welt Facebook auf Englisch, die andere Hälfte teilen sich Französisch und Arabisch. Ägypten steht mit 3,5 Millionen Facebook-Nutzern an der Spitze.

Der ägyptische Internet-Blogger Hossam al-Hamalawy ist einer der Aktivisten, die hinter der Internet-Kampagne in Ägypten stecken. Es dauert, bis er seine Haustür in Kairo öffnet. Er läuft an Krücken. Bei einer Demonstration zum Fall Khaled war er im Gerangel mit der Polizei verletzt worden. Er trägt es mit Fassung.

"Die Blogger und die neue Medien, die spielen eine sehr wichtige Rolle. Jemand setzt dort eine Nachricht hinein, jemand anderes sieht das und verbreitet sie weiter. Seht, was dort passiert ist, heißt es überall. Das verbreitet sich wie ein Virus", sagt Hossam. Er erklärt auch, wie der Mechanismus mit den offiziell unabhängigen Medien funktioniert.

Die können zunächst nicht einfach über den Fall Khaled berichten, stattdessen schreiben sie über die Blogger oder über die Bewegungen auf Facebook, und schon ist der Fall Khaled auch in Zeitungen und Rundfunk. Dann bekommen die traditionellen Medien wieder einen Maulkorb verpasst, aber die Blogger tragen den Fall weiter, bis die traditionellen Medien wieder darüber berichten können.

Die Regierung hat wenig Handhabe. Sie versucht die Blogger zu diskreditieren, behauptet, dass sie lügen, dass sie vom Ausland bezahlt würden. Und manchmal wird auch der ein oder andere bedroht oder verhaftet. Aber, sagt Hossam, Ägypten, das sei nicht der Iran.

Webseiten wurde bisher nicht dichtgemacht. "Das liegt nicht daran, dass wir eine aufgeklärte Regierung haben", sagt er. "Wir haben eine Regierung, die sich als freundlich gegenüber den elektronischen Medien präsentieren möchte, für die multinationalen Firmen", erläutert er. "Sie konkurrieren mit anderen Ländern der Dritten Welt, als billiges Land für das Outsourcen von IT-Arbeiten. Wenn man also die Firmen Microsoft und Google anlocken will, dann kann man nicht gleichzeitig anfangen, das Internet zu zensieren, das wäre alles andere als geschäftsfreundlich", sagt er. Aber Hossam ist auch realistisch, was die Blogger und Internet-Aktivisten erreichen können: "Dieses System wird weder durch Twitter noch durch Blogs, noch durch Facebook geändert werden. Das wird nur reformiert, wenn die Leute auf die Straße gehen."

Das Internet und die neuen Medien, das seien Instrumente, aber am Ende werden nicht sie es sein, die einen Wechsel des Regimes hervorbringen.

Trotzdem hallt die Mobilisierung im Internet inzwischen auch auf die Straße nach. Mehrere tausend Leute folgten am letzten Freitag einem Aufruf auf Facebook in Alexandria gegen die Polizeigewalt im Fall Khaled zu demonstrieren. In einem Land, in dem man fürchten muss, von der Polizei mitgenommen zu werden, wenn sich mehr als fünf Leute versammeln, ist das viel. Zu dem Protest aufgerufen hatte der Friedensnobelpreisträger und ehemalige Chef der Atomenergiebehörde Muhammad El-Baradei, der möglicherweise bei den nächsten Präsidentschaftswahlen den seit fast 30 Jahren regierenden Husni Mubarak herausfordern will.

Auch er mobilisiert seine Anhänger durch die neuen Medien. Seine Facebookseite hat inzwischen mehr als eine Viertelmillion Anhänger.

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