Ulrich Köhler über den Film "Schlafkrankheit": "Afrika hatte ich komplett verdrängt"

Der Regisseur Ulrich Köhler spricht über seine Kindheit in Afrika, den Schock, nach Deutschland zurückzukommen und das Filmemachen als Therapie.

Seine Eltern arbeiteten als Ärzte in Zaire: Ulrich Köhler. Bild: dpa

taz: Herr Köhler, wogegen haben Sie sich impfen lassen, bevor Sie nach Kamerun aufgebrochen sind?

Ulrich Köhler: Einen Teil der Impfungen hatte ich schon. Neu war die Tollwutimpfung, mit der ich dann auch Probleme hatte, weil ich zu spät damit angefangen hatte und die zweite Impfung in Afrika selbst verabreicht bekam. Am Tag darauf bin ich einen Berg hochgestiegen, danach hatte ich 39 Grad Fieber.

Wie war es denn, in Kamerun zu drehen?

Kindheit: 1969 in Marburg geboren. Lebte in den 70er Jahren mit seinen Eltern in einem Dorf im damaligen Zaire.

Ausbildung: Köhler studierte Kunst in der französischen Stadt Quimper, anschließend Philosophie und Visuelle Kommunikation in Hamburg.

Filme: "Bungalow" (2002), "Montag kommen die Fenster" (2006), "Schlafkrankheit" (2011)

Es war mein bei Weitem anstrengendster Dreh. Das hatte weniger mit Afrika und mehr mit dem Drehbuch zu tun. Denn das war kompliziert, es gab viele Drehorte und 47 Sprechrollen, ich hatte den Aufwand unterschätzt. Und es gab diverse Widrigkeiten wie die, dass es trotz der Trockenzeit geregnet hat. Irgendwann war das Team riesig, total aufgebläht. Eigentlich wollte ich jeden Morgen bis 20 zählen, und der 21. hätte dann vom Set gehen müssen, aber am Ende waren doch 60 Leute im Team.

Ihre Eltern haben früher in dem Krankenhaus gearbeitet, in dem die zweite Hälfte des Films spielt. Aber als Sie ein Kind waren, waren Sie mit Ihren Eltern nicht in Kamerun, sondern im damaligen Zaire, nicht wahr?

Genau, das war in den 70er Jahren, sie waren im Auftrag einer kirchlichen Entwicklungshilfeorganisation in einem kleinen Dorf an einem ziemlich großen Fluss.

Als Ärzte?

Mein Vater als Arzt, meine Mutter als mit ausreisender Partner, sie hat zwar kein Gehalt gekriegt, aber mindestens genauso viel gearbeitet wie mein Vater. Das war ganz klassische Entwicklungshilfe: der Arzt, der einzelne Patienten betreut, wie man es sich von Albert Schweitzer vorstellt. Dieses Konzept wird heute nicht mehr weiterverfolgt, weil es genug afrikanische Fachkräfte gibt und die Entwicklungshilfe eher auf der Ebene des Managements und der Supervision gewährt wird.

Waren Ihre Kindheitserfahrungen entscheidend für Ihren Wunsch, diesen Film zu drehen? Und wollten Sie ihn schon seit Langem realisieren?

Ich hatte eher lange Zeit Angst, mich damit auseinanderzusetzen, und vielleicht ist "Schlafkrankheit" mein therapeutischster Film. Es war ein totaler Schock für mich, nach Deutschland zurückzukehren. Ich war noch nie in einer Schule gewesen, in Afrika hat uns unsere Mutter unterrichtet. Als ich in die Grundschule kam, in die vierte Klasse, setzte sich der einzige türkische Mitschüler neben mich, wir verstanden uns sehr gut, weil ich halt der Afrikaner war. Dann gab es den ersten Deutschaufsatz, "Mein schönstes Ferienerlebnis", und ich schrieb eine 1, wahrscheinlich, weil ich die spektakulärsten Geschichten zu liefern hatte. Daraufhin hat sich mein Mitschüler von mir weggesetzt, sodass ich das erste halbe Jahr allein an meiner Schulbank saß. Als neunjähriger Junge will man so sein wie alle anderen, und ich habe Afrika komplett verdrängt.

Es ist nicht Ihr erster Film, in dem die Hauptfiguren Ärzte sind. Was reizt Sie an Ärzten, außer dem biografischen Bezug?

Der Beruf des Arztes ist gerade im Hinblick auf die Entwicklungshilfe total interessant, denn er kommt quasi mit eingebauter moralischer Legitimation daher. Ein gerettetes Menschenleben ist nun mal ein gerettetes Menschenleben. Und zugleich ist die Frage viel komplexer, weil jedes von Europäern aufgebaute Gesundheitssystem die Entstehung eigener Strukturen verhindert.

Es gibt noch einen anderen Filmemacher, der gern in Krankenhäusern und im Dschungel filmt, und auch seine Eltern waren Ärzte: den Thailänder Apichatpong Weerasethakul. Spielt er für Sie eine Rolle?

Er hat mich sehr beeindruckt und beeinflusst. Nach "Bungalow" habe ich "Blissfully Yours" zum ersten Mal gesehen. Seither schaue ich mir die Filme immer wieder an und halte "Syndromes and a Century" für den tollsten Film, den er gemacht hat. Aber eine Sache muss ich sagen: Die Nilpferdgeschichte ist etwas, was ich schon vorher im Kopf hatte, sie stammt aus meiner Kindheit.

Wie geht sie?

Es gab Nilpferde in dem Fluss, an dem wir wohnten und auf dem mein Bruder und ich mit unseren Einbäumen unterwegs waren. Die Leute hatten großen Respekt vor den Tieren, aber meine Mutter hielt die Gefahr für gering. Oft sind wir den Tieren hinterhergepaddelt, die Leute konnten es gar nicht fassen. Ein halbes Jahr nachdem wir nach Deutschland zurückgekehrt waren, wurde eine amerikanische Ärztin von einem Nilpferd getötet, als sie im Fluss schwamm. Die Leute im Dorf behaupteten, dass sich der Krankenhausleiter in ein Nilpferd verwandelt hätte, um die Frau zu töten, weil sie ihm im Weg stand. Es gab noch weitere Geschichten von Menschen, die sich in Tiere verwandeln können. Es war ein Mythos meiner Kindheit. Als ich den Ort, in dem ich aufgewachsen bin, wieder besucht habe, wollte ich die Nilpferde sehen und habe einen Paddler engagiert. Aber es waren keine Nilpferde dort. Der Paddler meinte, dass wir dem Nilpferd vielleicht extra Geld geben müssen, damit es auftaucht. Beim zweiten Mal habe ich eine Summe für das Nilpferd herausgerückt, und tatsächlich war es dann zu sehen.

Es gibt viele nächtliche Szenen, und es ist auffällig, wie sehr Ihre Inszenierung die Dunkelheit betont.

Das war von Anfang an unser Konzept. Eine ganz starke Kindheitserinnerung war, dass wir nachts Verstecken gespielt haben und wir uns nur auf die Wiese legen mussten, um nicht gesehen zu werden. Es gab nur zwei Stunden Strom am Tag, am Himmel war kein Restlicht. Wir haben uns überlegt, wie man das filmisch umsetzen kann, und haben uns entschieden, dass gerade bei den Nachtszenen im Wald Taschenlampen die einzigen Lichtquellen sein sollten.

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