Kolumne Kriegsreporterin

Der Marco-Schock in der Türkei

FDP, Grimme-Preis, Vural Öger – und fast eine richtige Meldung von Pro7. Währenddessen wartet die Kriegsreporterin auf die Zeitschrift "Schlaf gut!" für freie Journalisten.

Hallo taz-Medienredaktion, überall wird gespart! Haben Männer früher ihr Gemächt auf den Tisch gelegt, wenn es darum ging zu beeindrucken, ist es heute der angeblich mit einem Funkelstein besetzte Kugelschreiber. So geschehen bei der Grimme-Preis-Verleihung letzten Freitag, zumindest, wenn ich den Suffköppen glauben darf. Der Medienpolitische Sprecher der FDP wäre demnach Halter des Stiftes und man darf ja heute froh sein, wenn die FDP überhaupt noch was hat, was sie herzeigen kann.

Aber auch dort, wo die Liberalen schon lange kein Land mehr sehen, hält sich die Zeigefreudigkeit in Grenzen. Die Preisverleihung, im nordrhein-westfälischen Marl angesiedelt, vereinte zwar die Großköpfe der Branche, konnte aber vom WDR nur den Fernsehspielchef auf Seiten der Bosse als Gast verbuchen. Kein Bedürfnis seitens des Senders, den Standort zu repräsentieren.

Die denken sich wahrscheinlich, der FDP-Fritze mit seinem Stift ist ja da, da fällt das gar nicht auf, wenn wir nicht kommen. Vielleicht aber sind auch alle noch platt vom "Marco-Schock", jener Darstellung türkischer Gefängnisse in dem Sat.1-Rührstück "Marco W. - 247 Tage im türkischen Gefängnis".

Allen voran empört sich der Reiseveranstalter (!) Vural Öger über den Imageschaden, den seine Heimat durch die Darstellung fieser Kakerlakenknäste nimmt. Welch ein Glück, dass die Verbindung zwischen Westerwelle und Hoteliers so gut ist und er mit den Worten "und wenn es das Letzte ist, was ich als Außenminister tu!" Öger zusichern konnte, dass Türkei-Dramen ab sofort nur noch im Adlon gedreht werden. Wie ich bei Grimme von richtigen Insidern erfahren habe, soll für einen Film über den Völkermord an den Armeniern aktuell unter der Aufsicht Cornelia Piepers der Wäschereitrakt im Untergeschoss des Hotels umgebaut werden.

Womit wir bei "Reporter ohne Grenzen" wären, die über die Zunahme der Verfolgung von Journalisten in der Türkei berichten - was man angesichts des Marco-Schocks nur mit "langweilig!" kommentieren kann und sich fragt, wann von denen mal richtige Meldungen kommen.

Fast eine richtige Meldung ist, dass der Popcorn-Sender Pro7 einen "Tolerance-Day" ausruft. Am Freitag ist es so weit. Das finde ich ganz schön toll. Toleranz und so, immer wichtig. Um zu wissen, wen man tolerieren soll, hab ich auf der Homepage nachgeschaut. Ganz klar: Die rot-weiße Aufmachung steht für Österreich. Toleranz gegenüber Österreichern. Da kenn ich welche. Die sind schon a bisserl komisch, aber eben auch Menschen. Wenn Sie keinen Österreicher kennen, an dem Sie Ihre Toleranz beweisen können, ich hab noch welche übrig. Immerhin sind Österreicher nicht so schlimm wie Schwaben. Die sich hier in Hamburg vermehren wie Mücken an einem See. Und die nun wirklich keiner braucht. Also weder noch.

Aber man soll nicht immer meckern. Man soll auch loben. Die Macher von lob etwa, der "Zeitschrift für berufstätige Mütter und Väter". Die aus Bayern kommt, wo berufstätige Mütter ähnlich beliebt sind wie Flitzer beim Bayern-Spiel. Dafür gibt es nur ein halbes Lob. Ich warte lieber auf Schlaf gut!, die Zeitschrift für freie Journalisten, die sich im Angesicht der mitunter lächerlichen Honorare, die von den Rekordgewinne vermeldenden Verlagen wie Gruner + Jahr und Zeit-Verlag gezahlt werden, auch einfach schlafen legen könnten.

Überhaupt, Freischreiber! Wo seid ihr? Wo bleibt der Weckruf gen G + J und Zeit, im Angesicht der vollen Kassen mehr Geld für Freien-Honorare zur Verfügung zu stellen?! Oder hab ich was verschlafen? Um Orientierung bemüht, zurück nach Berlin!

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Silke Burmester ist mittwochs auf der taz-Medienseite als „Kriegsreporterin“ im Einsatz. Bei Spiegel Wissen trägt Ihre Kolumne den schönen Titel „Frau Burmester hat einen Termin“. Ihre Themen sind Gesellschaftspolitik, Medien und Kultur. Außer für ihre Liebe, die alte Tante taz, schreibt sie u.a. fürs Manager Magazin, Brigitte Woman und Reisemagazine. Sie gibt Schreibseminare und ja, sie macht auch PR. Bei Kiepenheuer und Witsch ist ihr Pamphlet gegen die Hysterie der Medien „Beruhigt Euch“ ebenso erschienen, wie „Das geheime Tagebuch der Carla Bruni“. Silke Burmester ist Mitglied bei ProQuote und bei Freischreiber.

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