Kommentar Sperrgebiet Schanzenviertel: Völlig überzogen

Den unpolitisch motivierten alljährlichen Krawallen allein mit Polizeistaatsmethoden zu begegnen schafft zwar kurzfristig Ruhe, längerfristig ist das aber keine Befriedungsstrategie für solche Tage.

Die Bewohner des von Gentrifizierung geplagten Schanzenviertel fordern seit langem, die Außengastronomie abends wegen des Lärmschutzes zu beschränken.

Und mit ein wenig Sarkasmus könnten sie über dieses Wochenende glatt sagen: Vielen Dank der Polizei, das war der erste 1. Mai seit Jahren, an dem man schon um neun Uhr bei offenen Fenster schlafen gehen konnte und wohl der einzige Tag in diesem Sommer.

Doch der Preis für diese Ruhe war groß. Ein ganzes Viertel ist in den Ausnahmezustand versetzt worden. Am ersten Tag belagerte die Polizei das Viertel mit Hundertschaften und Wasserwerfern, so dass sich eigentlich niemand vor die Tür trauen mochte.

Menschen wurden unter Generalverdacht gestellt, nur weil sie jung waren oder weil sie einen Migrationshintergrund haben. Oder weil sie schwarze Klamotten bevorzugen, statt im Designerzwirn zu flanieren.

Durch die Kontrollen ist in ihr informationelle Selbstbestimmungsrecht eingegriffen und ihr Grundrecht auf Bewegungsfreiheit eingeschränkt worden. Am 1. Mai ist das "Gefahrengebiet Schanze" dann zum Geisterviertel verkommen.

Sicher: Keiner begrüßt die unpolitisch motivierten alljährlichen Krawalle. Aber ihnen allein mit Polizeistaatsmethoden zu begegnen - worüber sich das deutsche Volk in anderen Staaten empört - schafft vielleicht zwar kurzfristig Ruhe, längerfristig ist das aber keine Befriedungsstrategie für solche Tage.

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Jahrgang 1956, Seit 1983 bei der taz – zuerst bei der taz.hamburg und jetzt bei der taz.nord in Hamburg. Ressorts: Polizei, Justiz, Betrieb und Gewerkschaft. Schwerpunkte: Repression, progressive Bewegungen und Widerstand gegen Gentrifizierung

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