Neues PeterLicht-Album: Alles "Ich" muss raus

Die Sloganmaschine PeterLicht hält es diesmal mit Peter Sloterdijk und macht damit den Pop dümmer als er ist. Ist das neue Album "Das Ende der Beschwerde" dann noch Pop?

Lichts Texte und das sie darstellende Künstlerego stehen immer über der Musik. Bild: promo

"Verkauft mein Fleisch an den billigen Ständen und verwertet die Reste." So singt der Popstar PeterLicht in "Begrabt mein iPhone an der Biegung des Flusses". Auf vielen der zwölf Songs seines neuen Albums "Das Ende der Beschwerde" mimt er einen Nachlassverwalter und besingt die Gesellschaft als nicht mehr benötigtes Warenmuster. Eine Außenposition ist in dieser Weltsicht unmöglich, permanent erzeugt sich der Markt.

Lichts Kapitalismuskritik klingt ein wenig durchsichtig. Geld verbrennt mit großem Pathos im hellen Schein der Sonne. Das Text-Ich bezeichnet sich etwa als Teil eines Schwarms, der die anderen scannt. "Ich wüsste niemand, der sich selbst gehören würde", lautet der Refrain des iPhone-Songs. Alles "Ich" muss raus, für eine utopische Vorstellung von Liebe, denn sich selbst gehören sei ein Abbild der Trennung, sagt Licht. Dazu ertönen mild melancholische Klänge, später New Wave in Moll.

Lichts Texte und das sie darstellende Künstlerego stehen immer über der Musik. In den vergangenen zehn Jahren sind fünf Alben entstanden, daraus haben sich Theaterstücke ergeben und zwei Bücher mit Zeichnungen und Texten. Erfolg durch Negation: "Mit jedem Satz, den ich hier verlier, werde ich weniger wahr/mit jedem Wort, das mich verlässt, werde ich weniger", heißt es in dem Song "Neue Idee", musikalisch nahe an Schlagertechno.

Das neue Album: PeterLichts fünftes Werk "Das Ende der Beschwerde" erscheint am 28. Oktober bei Motor Music/Edel

Das Thema: Problemlösungen. "Man kann die Kunst zwar nicht wirklich stoppen, wenn sie ständig um sich selbst kreist, aber Du kannst Dich in die Mitte stellen", behauptet der Künstler, "dann kreist die Kunst plötzlich um Dich."

Die Tour: Sie beginnt am 2. Oktober im Freiburger Theater, 9. Oktober im Staatstheater Hannover, 4. November um Kulturladen Konstanz und wird bis Dezember fortgesetzt

Der Star: Ob PeterLicht wirklich PeterLicht heißt oder doch Meinrad Jungblut, wie er sich auch schon genannt hat, ist nicht bekannt. Obgleich im Netz von ihm Fotografien existieren, bleibt er bei Promotionfotos lieber verdeckt und lässt statt seiner schon mal einen Bürostuhl ablichten.

"Warum sind nicht alle so wie ich?", fragte sich PeterLicht in seinem Journal "Wir werden siegen! Buch vom Ende des Kapitalismus", das 2006 erschien, zusammen mit seinem dritten Album "Lieder vom Ende des Kapitalismus". Der Kapitalismus wackelt, aber es gibt ihn noch, und Lichts Frage blieb unbeantwortet. Also beginnt mit ihr das Interview im Kaminzimmer eines Berliner Herrenclubs. Warum sind nicht alle wie PeterLicht? "Es ist mein Beruf, dass ich den Interviewern mein großes Ego entgegenschleudere. Der Satz, ,Warum sind nicht alle so wie ich?' könnte auch aus einer unsicheren, depressiven Gemütslage kommen." PeterLicht strahlt auch im Interview Selbstbewusstsein aus.

Sein neues Album, "Das Ende der Beschwerde" sei eine Sehnsuchtsplatte sagt der Ende-30-Jährige. Er sehne sich danach, dass die Beschwerden, die pausenlos an ihn als Künstler herangetragen werden, aufhören. Welche denn? "Beschwerden, gegen alles, was ich mache, in meiner Eigenschaft als Mensch, als Wesen, das einen ökologischen Fußabdruck hinterlässt. Es gibt ständige Signale, dass ich mein Leben ändern möge. Sloterdijks Satz, ,du musst dein Leben ändern', hat so eine herrliche Kraft, daher habe ich ihn gern gesungen."

Das resignative Moment lässt sich nicht aufmöbeln

Sloterdijk zum Stichwortgeber eines Popsongs zu nehmen, ist betrüblich. PeterLicht macht Pop damit dümmer, als er ist. Und dann singt er den Satz auch noch mit postmoderner Ironie. "Du, du, du und dein Leben. Ihr beide müsst dein Leben ändern."

Der Textschwere versuchen mäandernde The-Cure-Flascholett-Gitarrentöne Beine zu machen, aber sie helfen auch nicht dabei, das resignative Moment aufzumöbeln. "Gesellschaft ist toll, wenn all die Leute nicht wären", heißt es später in dem Song, purer Kulturpessimismus. Ein Königreich für die Aussagekraft von Musik, die keine Sloganmaschine braucht, die auf Kollaborationen und auf dem Zufall beruht. Lichts Texte und Musik entstehen mit dem Produzenten Jochen Naaf. Eine Band spielt die Songs für ihn ein. Sie sind fester Bestandteil von "Das Ende der Beschwerde", und trotzdem wirken sie wie Nebendarsteller.

Der beste Song, "Schüttel den Barmann", verzichtet dagegen auf eingespielte Handlungsmuster und hat improvisatorische Anklänge. Wie sein Vorbild Rolf-Dieter Brinkmann zählt PeterLicht Berufe auf und wendet ihre Berufsbilder gegen sie selbst. "Begrabt den Archäologen", heißt es da, oder "Verzins den Mann aus der Bank", während die Band verschroben, aber entspannt durch eine countryfizierte Klanglandschaft walzert.

Unangenehm wird es dagegen im elegischen Finale "Der neue Mensch", wo PeterLicht einen totalitären Begriff aus der Mottenkiste holt. "Da geht es um das Bild des Staudamms", erklärt er, "der drückt und eine Entladung steht bevor und dann kommt der neue Mensch." Sein Album handle von verschiedenen Spielarten der Problemlösung. In all dem vergraben sei eine Vorstellung davon, dass jemand kommt, um die Welt zu retten. Ganz schön feist, was hier Pop alles aufgebürdet wird.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de