Nachruf Antoni Tàpies: Der Herr über das X

Spaniens bekanntester zeitgenössischer Maler und Bildhauer Antoni Tàpies ist tot. Er war ein Philosoph mit Pinsel, ein Poet mit Farbe, ein Zen-Buddhist mit Meißel.

"Ich bin nie zufrieden", erklärte Tàpies seine innere Unruhe. Bild: dpa

MADRID taz | Der Herr über das X ist tot. Spaniens bekanntester zeitgenössischer Maler und Bildhauer, Antoni Tàpies, starb in der Nacht auf Montag in Barcelona im Alter von 88 Jahren. Er hinterlässt über 8.000 Bilder und Skulpturen. Halb Kreuz, halb Buchstabe, das X steht für Spiritualität und Mysterium. Tàpies war ein Philosoph mit Pinsel, ein Poet mit Farbe, ein Zen-Buddhist mit Meißel.

Tàpies, geboren 1923 in Barcelona – sein Vater ein namhafter Anwalt, seine Mutter aus einer nationalistischen katalanischen Buchhändlerfamilie –, fand früh zur Literatur und zur Malerei. Mit 18 Jahren begann er, durch eine schwere Krankheit ans Haus gefesselt, erst figurativ, realistisch und dann immer abstrakter zu malen. Es war die avantgardistische Poesie seiner Jugend, der Dadaismus, die den jungen Autodidakten ebenso beeinflusste wie der Jazz. Nach dem Spanischen Bürgerkrieg suchte er Kontakt zu anderen Großen seiner Zeit. Er lernte Miró kennen und schätzen, besuchte Picasso in Paris, schwärmte für Antoni Gaudi, Paul Klee und Max Ernst.

Tàpies entwickelte seinen so eigenen, unverkennbaren Stil. "Ich interessierte mich für die Materie an sich. Ich trug immer mehr Material auf. Nach und nach wurden meine Bilder dreidimensional", erklärte er seinen Werdegang. "Die Kunst ist eine Quelle der Erkenntnis, wie die Wissenschaften und die Philosophie. Wenn die Formen nicht in der Lage sind, die Gesellschaft, an die sie gerichtet sind, zu verletzen, sie zu irritieren, sie zur Meditation zu bewegen, wenn sie nicht abstoßen, dann ist es kein Kunstwerk", lautete sein Motto.

Und er provozierte gern. Mitten in der Franco-Diktatur begann er politisch Stellung zu beziehen. Wörter in der unterdrückten katalanischen Sprache tauchten in seinen Kollagen auf, ebenso das Rot-Gelb der Nationalfarbe seiner Heimatregion. Die Teilnahme an einem Oppositionstreffen brachte ihn für kurze Zeit hinter Gitter.

Heute ist Antoni Tàpies einer der am häufigsten ausgezeichneten Künstler Spaniens. Schon zu Lebzeiten war er der meistausgestellte zeitgenössische Künstler in Spanien. Bis zum Schluss malte er unaufhörlich weiter: "Ich bin nie zufrieden. Ich suche immer nach einem besseren Bild", erklärte er diese innere Unruhe.

Die junge Malergeneration sah er eher skeptisch. Die Marktmechanismen hätten zu großen Einfluss, wenn es um die Bewertung der Kunst gehe, beschwerte sich Tàpies. "Doch die Malerei wird nicht sterben. Sie muss sich erneuern. Es wird immer einen Verrückten geben, dem es gefällt, den Pinsel in die Hand zu nehmen und Farben zu mischen", heißt sein Vermächtnis an die Nachwelt.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de