Frauen bei der Tour de France

Bitte keine Nebenrollen mehr

Auch Frauen wollen die Schleife radeln. Die Chancen dafür stehen gut. Ex-Profi Rolf Aldag meint, „sie fahren länger an ihrer Schmerzgrenze als die Männer“.

Bald auch auf dem Mont Ventoux? Teilnehmerinnen des Straßenrennens bei den Deutschen Meisterschaften 2013 der Frauen in Wengen. Bild: dpa

PARIS taz | Als die Tour de France am Sonntag in Paris ihr 100. Jubiläum feierte und dazu alle Athleten einlud, die wenigstens einmal in ihrem Leben die Große Schleife komplett abgefahren haben – es waren bis einschließlich letztes Jahr 8.339 Sportler, von denen 2.060 noch am Leben sind – war dies eine reine Männerangelegenheit.

Frauen nahmen allenfalls als Gattinnen an den Festivitäten teil oder hatten als Masseurinnen Platz am Katzentisch. Manche Frauen, unter ihnen Michelle Cound, die Freundin von Toursieger Chris Froome, sind immerhin als Managerinnen ins Geschäft eingestiegen. Ansonsten sah man Frauen bei der Tour vor allem als Hostessen bei den Siegerzeremonien im Einsatz.

Mit Nebenrollen solcher Art wollen sich Frauen nicht mehr zufrieden geben. Eine Initiative um Olympiasiegerin Marianne Vos kämpft um eine Tour de France für Frauen bereits 2014. Die Zeichen dafür stehen gar nicht schlecht.

Der für die Streckenplanung bei der Tour de France zuständige ASO-Direktor Jean-François Pescheux versicherte der taz, dass die Tour sich bemühe, „immer auf der Höhe der gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen“ zu sein, und zeigte sich prinzipiell aufgeschlossen. „Wir hatten so etwas ja bereits in der Vergangenheit. Die Sache stagnierte dann aber – was vielleicht auch daran lag, dass es immer Longo – Canins, Canins – Longo hieß“, meinte Pescheux. In der Tat war zwischen 1985 und 1989 entweder die Französin Jeannie Longo die Erste und die Italienerin Maria Canins die Zweite, oder der Einlauf war exakt umgekehrt.

„Sie sind superstark“

Sehr pragmatisch sah der beim Rennstall Omega für Zukunftsfragen zuständige Rolf Aldag die Angelegenheit. „Radsport ist doch kein reiner Männersport. Man kann einfach nicht mehr sagen, dass Frauen bei einer Tour de France nichts zu suchen hätten“, meinte Aldag. Er sehe den Männerradsport sogar in einer Bringschuld gegenüber den Frauen. „Den Frauen haben die Probleme des Profisports doch ähnlich geschadet wie uns, ohne dass sie dafür verantwortlich waren“, spielte Aldag auf die Dopingaffären der Männer an.

Er hält die Frauen prinzipiell für leistungsfähig genug, um an einer Tour teilzunehmen. „Ich möchte nicht gemeinsam mit den Frauen den Berg hochfahren. Da würde ich richtig alt aussehen“, gab Aldag zu. „Ich habe in der Reha mit Frauen trainiert. Sie sind superstark. Vor allem ihre Leidensfähigkeit war beeindruckend. Sie fahren länger an ihrer Schmerzgrenze als die Männer“, meinte der frühere deutsche Meister und zehnfache Tourteilnehmer. Eine organisatorische Anbindung an die Männer-Tour hält Aldag grundsätzlich für möglich. Auch das Etappenziel sollte dasselbe sein, das am selben Tag die Männer hätten.

ASO-Spitzenmann Pescheux wollte das Pferd hier von der anderen Seite aufzäumen. „Man muss erst mal schauen, ob die Mannschaften und auch die Verbände gut genug strukturiert sind für ein solches Unterfangen. Es soll ja nicht passieren, dass am fünften Tag nur noch die Hälfte des Pelotons unterwegs ist“, meinte er. Immerhin stellte Pescheux in Aussicht, die Möglichkeit eines Frauenstarts bereits beim Grand Depart 2014 in Yorkshire zu prüfen. „Wir müssen einmal darüber nachdenken“, meinte er.

Nach 100 Jahren Tour de France eine wenn auch nicht sehr schnelle, aber doch möglicherweise sehr produktive Gedankenleistung.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben