Wirtschaftsverbrechen und Literatur: Die schwarze Seherin

Dominique Manotti kennt das Milieu, über das sie schreibt, sehr gut: die akademische Elite, die Politikerkaste, die Welt der Industriellen. Sie ist schonungslos.

Krimi noir - Madame Manotti, die Meisterin des Genres in einem Hamburger Hotel. Bild: Paula Markert

HAMBURG/ PARIS taz | Gut möglich, dass die Finanzkrise Dominique Manotti zum Durchbruch verholfen hat. Als Chronistin französischer Korruptionsskandale, Fällen von Subventionsbetrug und Steuerhinterziehung, der Verstrickungen von Industrie und Politik, der Verselbstständigung des Finanzsektors. „Frankreich ist ein sehr korruptes Land“, sagt sie. „Und niemanden stört das.“

Neben Fred Vargas ist Dominique Manotti die zweite international berühmtere französische Krimiautorin, und wie ihre bekanntere Kollegin ist sie gelernte Historikerin. Spezialgebiet: Wirtschaftsgeschichte. Oder besser: Wirtschaftsverbrechen.

Heutzutage ist die Wirtschaft kriminell, und die Organisation der Gesellschaft weitgehend auch. Der Anschein von Gesetzmäßigkeit ist das Erbe einer früheren Zeit.

Schule des Marxismus

Madame Manotti ist klein, die grauen Haare sind kurz geschnitten, sie hat einen schönen breiten Mund und etwas auseinanderstehende Augen. Im Hotel in Hamburg, wo sie am Abend liest, trägt sie Hose, karierte Bluse und darüber eine Strickjacke. Wenn sie spricht, unterstreicht sie das Gesagte mit den Händen. „C’est ça, l’histoire“, sagt sie dann etwa, „darum geht es.“ Ihr geht es um die Gesellschaft oder vielmehr um das, was von ihr „noch bleibt“.

Ich bin durch die Schule des Marxismus gegangen, so hat mein Verstand zu funktionieren begonnen. Der bestimmende Faktor der Wirtschaft als letzter Instanz überzeugt mich noch immer.

Dominique Manotti ist Pariserin, Jahrgang 1942, aufgewachsen im vornehmen 16. Arrondissement. „Ich hatte eine schöne Kindheit.“ Sie kennt das Milieu, über das sie schreibt, die akademische Elite, die Politikerkaste, die Welt der Industriellen – mit ihren habituellen Marotten, moralischen Entgleisungen, finanziellen Verstrickungen. Der Kriminalroman oder der „Polar noir“ ist für Manotti die zeitgemäße literarische Form, Geschichte zu erzählen.

Im Krimi geht es um die Institutionalisierung des Verbrechens – nicht als soziale Abweichung, sondern als das, was die Gesellschaft am Laufen hält.

Sie ist eine illusionslose Erzählerin, Manottis Romane enden selten gut. Die Sprache ist nüchtern, knapp. Keine Umschweife machen. Wer stirbt, stirbt. „Die junge Frau rutscht an der Wand nach unten, sofort tot.“ Ihre Orts- und Personenbeschreibungen gleichen Anweisungen für ein Drehbuch. Nicht die Psychologie der Figuren steht im Vordergrund. Umso markanter das kurze Aufscheinen körperlicher Signale sexuellen Begehrens, Sinn für Essen, Musik, Wein. Und Pferde. „Wäre ich eine Erfolgsschriftstellerin, würde ich mir ein Rennpferd kaufen.“ Vor vier Jahren hatte sie einen schweren Reitunfall. Danach zog sie mit ihrem Mann in den sechsten Stock einer schönen Neubauwohnung im Norden von Paris. Fahrstuhl vorhanden. Sohn und zwei Enkelkinder in der Nähe. Eine ganze Wand ihres geräumigen Wohnzimmers ist mit Büchern und DVDs bestückt, viele Krimiklassiker.

Sie mag den Franzosen Didier Daeninckx und den Amerikaner James Ellroy. Und sie verehrt Balzac. „Er hat den ’Roman noir‘ des 19. Jahrhunderts geschrieben.“ Ist es nicht ein bisschen verwegen, sich mit dem großen Romancier zu vergleichen? „Ich halte mich nicht für Balzac.“ Sie lacht, keineswegs verunsichert. „Aber er hat diese Welt gut gekannt, die er beschrieben hat.“ Die kleinen Leute, die Banker, die Journalisten, die Theater. Nie käme sie auf die Idee, über die chinesische Mafia in Paris zu schreiben. „Ich schreibe nur über das, wozu ich Bezug habe.“

Dominique Manotti kam Anfang der 90er Jahre zum Schreiben, aus Frustration über den politischen Stillstand, seit der Sozialist François Mitterrand 1981 die Präsidentenwahl gewonnen hatte. Da war sie Anfang 50. Hatte an einem Gymnasium unterrichtet, Studenten die Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts nähergebracht. Politisch aktiv war sie seit jeher, seit dem Algerienkrieg. 1968 kamen dann der Generalstreik, die Studentenunruhen. „Wir haben für eine Bildungsreform gekämpft. Zwei Jahre lang hatten wir alle Mittel in der Hand und haben es einfach nicht hingekriegt.“

1968 – gescheitert. Eine Generation, die geträumt hat. Großspurig, ohne Realitätssinn. „Alle meine Romane kreisen um die Geschichte meiner Generation.“ Einer beschädigten Generation.

Anderthalb Jahre Recherche

„Ich war diesem Traum nie verfallen“, stellt sie klar. „Das verdanke ich meiner Familie. Als Unternehmer waren sie in der Realität verankert.“ Neben Job und Familie arbeitete sie als Gewerkschaftssekretärin der christlichen CFDT und verhandelte für die streikenden türkischen Textilarbeiter im Pariser Viertel Sentier die Legalisierung ihres Status. Das Material floss später in ihren ersten Roman, „Hartes Pflaster“ („Sombre Sentier“), ein.

Das war eine einzigartige Erfahrung. Männer unter sich. In den Ateliers arbeiteten nur Männer. Für sie war ich keine Frau. Ich war die Gewerkschaft, die Institution. Und damit elementar. Denn außer dem Gewerkschaftsausweis besaßen sie keine Papiere.

Auf die Erfahrung in dieser Männerwelt geht auch der homosexuelle Kommissar Daquin in „Hartes Pflaster“ zurück. Zwei Romane gibt es mit Daquin, zwei mit Noria Gozhali, Polizeiermittlerin maghrebinischer Herkunft. Ja nicht langweilen. Während Dominique Manotti recherchiert, in der Regel anderthalb Jahre, schreibt sie nicht. Sie nutzt Studien und andere Quellen, führt Interviews, schröpft ihr Gedächtnis. Der Roman „Ausbruch“ über die italienische Exilantenszene der Rotbrigadisten in Frankreich speist sich aus eigener Anschauung, erzählt sie bei der Buchvorstellung in Hamburg. Manottis Mann arbeitete jahrelang als Korrespondent der italienischen Tageszeitung il manifesto in Paris. Heute assistiert er ihr bei den Recherchen – und klappert im Nebenraum mit den Kochtöpfen. Es gibt Schnitzel, grüne Bohnen und Steinpilze, danach Käse und selbst gebackenen Schokoladenkuchen.

Sie hört ihre Charaktere

Ihre Protagonisten entwickelt Manotti während der Recherche – oder vielmehr sie entwickeln sich. „Es gibt einen Moment, bevor ich zu schreiben beginne, da fangen die Figuren an, mit mir zu reden.“ Sie hört ihre Charaktere reden, vielleicht macht das die Lebendigkeit ihrer Dialoge aus. „Eine gute Geschichte macht noch keinen guten Roman“, sagt sie. Zum Niederschreiben benötigt sie dann etwa sechs Monate.

Dominique Manottis Bücher, mit Preisen ausgezeichnet, verkaufen sich in Deutschland besser als in Frankreich. „Für uns war es genau das richtige Timing“, sagt die Verlegerin Else Laudan vom kleinen Hamburger Argument Verlag. Sie nennt drei Gründe: die Wirtschaftskrise, ihr Roman „Roter Glamour“ („Nos fantastiques années fric“), der auf Deutsch erschien, als der Strauss-Kahn-Skandal ruchbar wurde. Und eine Literaturkritik, die den Krimi in Deutschland „aus der Schmuddelecke“ geholt hat.

„Ich weiß, dass meine Romane komplex sind. Ich versuche jedes Mal, das zu vereinfachen. Aber im Lauf der Arbeit verkomplexifiziert sich alles.“ Manotti beugt sich über den Tisch und zeichnet drei Stränge auf. Beispiel: das Quartier Sentier aus „Hartes Pflaster“. Ein Strang sind die Nähateliers, einer weiterer der Drogenschmuggel, der dritte die Polizei. „Jeder Strang muss in sich stimmen. Erst dann kreuze ich die Stränge, sind die Dinge im Fluss.“ Die erste und die letzte Szene ändert sie nie.

Die Chronologie ist wichtig

Ohnehin folgen ihre Bücher stets einer chronologischen Ordnung. Bei „Hartes Pflaster“ sind es die sechs Monate des Streiks. „Das Schwarze Korps“, ihr einziger „historischer“ Roman, spielt in den Tagen nach dem 6. Juni 1944, der Landung der Alliierten in Frankreich. „Als Historikerin habe ich ein starkes Gespür für den Einfluss der Zeit auf die Menschen. Daten sind wichtig. Die Menschen leben konkret in einer Zeit.“ Sie hat versucht, ohne auszukommen: „Funktioniert nicht.“ Manottis Bücher verhandeln die jüngere Zeitgeschichte Frankreichs, vor alle

m jene „fantastischen Jahre des Geldes“ („Roter Glamour“) in den 80ern, die mit Mitterand Einzug gehalten haben. „Wir haben nicht verstanden, was sich wirklich abgespielt hat. Die Globalisierung, der Neoliberalismus. Wir haben den Wandel nicht kommen sehen“, sagt Manotti. Ihre Protagonisten repräsentieren oft ein Milieu, in dem Geld, Sex, Drogen eine große Rolle spielen. Zu klischeehaft? „Nein“, sagt Manotti, „das sind Sitten, die mit der Macht verbunden sind.“ Riten der Selbstvergewisserung. „Diese Männer haben nicht das Gefühl, irgendetwas Schlimmes zu tun. Sie glauben, sie hätten das Recht dazu.“

Manottis Personal sind Menschen, die sich in Hierarchien, in Institutionen bewegen – Einzelgänger findet man nicht bei ihr, Einzelkämpfer schon. Es gibt Intrigen, Rivalitäten zwischen den einzelnen Ermittlungsbehörden. „Die französische Gesellschaft ist sehr korporatistisch“, sagt Manotti. Geschützte Berufe, ständisches Denken, Eigeninteressen, nicht nur bei der Polizei. Die Klassenunterschiede seien seit Kriegsende verblasst, „desto wichtiger sind heutzutage diese Überbleibsel – in Form der Verteidigung der ständischen Interessen. Der Korporatismus geht durch alle Schichten.“ Er macht die französische Spielart der Korruption und Manipulation aus.

Respekt vor der Geschichte

Ihr nächster Roman wird in Marseille spielen. Die Anfänge des Ölhandels nach der Ölkrise 1973, die CIA in Frankreich. Sie schreibt gerade. Wenn Zeit so wichtig ist, hat sie dann einen regelmäßigen Arbeitsrhythmus? Nö. „Ich habe doch Zeit.“ Morgens läuft sie am Kanal vor ihrer Haustür im früher verrufenen 19. Arrondissement, heute ein gemischtes Viertel. Seit sie hier lebe, habe sie keine Auseinandersetzungen erlebt. „Wir glauben, das liegt am Wasser. Das beruhigt.“ An der aufgehübschten Uferpromenade spielen zwei Gruppen Boule. Ein Trupp älterer Franzosen. Und eine Gruppe junger Maghrebiner. „Als ich sie das erste Mal sah, dachte ich, ’on y est‘ – endlich!“

Der Weg am Kanal führt zur Rotonde de la Villette, dem ehemaligen Zollhaus am einstigen Industriehafen von Paris, heute ein Café. Wo jetzt überirdisch die Metro von Jaurès nach Stalingrad fährt, war früher die Stadtgrenze, erklärt Manotti. „Als Expertin fürs 19. Jahrhundert freue ich mich jedes Mal über diesen Anblick. Vorn die Rotonde aus dem 18. Jahrhundert, dahinter die Metro auf den hohen Stahlträgern, die extra in einer Kurve um die Rotonde herumführt.“ Aus Respekt vor der Geschichte.

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