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Neu im Cinema: „Kurosawas Träume“

■ Weltuntergang & schöner Garten

Akira Kurosawa sagt:„In seinen Träumen ist der Mensch ein Genie.“ Ja schon, aber meist hat er sie beim Frühstück schon wieder vergessen. Um zu träumen, geht er ins Kino, und da gibt jetzt Herr Kurosawa den Menschen ihre Träume zurück. Auch wenn es ganz persöhnliche Träume eines achtzigjährigen Japaners sind, werden in ihnen Wünsche, Leidenschaften, Schwächen und Ängste illustriert, die jeder kennt - von denen jeder träumt.

Wie im Märchen verletzt da ein fünfjähriger Junge das Tabu der Geister. Dafür soll er grausam bestraft werden, und er darf nur auf Gnade hoffen, wenn er das Ende des Regenbogens erreicht. Auf einem abgeholzten Pfirsichhain erscheinen dem etwas älteren Jungen die Geister der Bäume, die zu Menschen werden und ihn tanzend für kurze Zeit ins Paradies sehen lassen. Im Schneesturm sehen vier eingeschneite Bergsteiger eine Fee, die sie in den Tod locken will. Einem aus dem Krieg heimkehrenden Soldaten folgen die gefallenen Kameraden aus einem dunklen Tunnel heraus. Ein japanischer Kunststudent wünscht sich in die Bilder Vincent Van Gogh's hinein.

Zwei apokalyptische Visionen weisen auf Kurosawas Weltsicht hin : Nach der Explosion eines Atomkraftwerkes stürzen sich die Japaner wie Lemminge ins Meer. Nach dem Atomkrieg werden die Menschen zu gehörnten Ungeheu Foto

ern und „weinenden Menschenfressern“.

Im letzten Traum wird eine Idylle gezeichnet, in der ein hundertjähriger Weiser mit der Natur im Einklang lebt. In dieser losen, assoziativen Folge von Episoden traut sich Kurosawa, mit den schönen Bildern und grandiosen Trickaufnahmen oft am Rande des Kitsches zu balancieren. Aber der kleine Junge, der zu prächtig kostümierten Tanzenden hinaufblickt, während Pfirsichblüten auf ihn herabregnen, oder der rot dahinschmelzende Fujiyama über den panischen Menschenmassen geben dem Film den emotionalen Sog, den Traumbilder haben müssen. Auch die Gemälde - Episode, die auf den ersten Blick ein wenig kunstgewerblich scheint mit dem Japaner in Jeans, der in den Meisterwerken herumläuft, und Martin Scorsese als Van Gogh, den der arme Student tatsächlich fragen muß: „Was haben sie denn mit ihrem Ohr gemacht ?“, hat als leichtgewichtige Verschnaufpause ihren Platz in der Mitte des Films.

„Dreams“ erzählt von Kindheit und Alter, Dummheit und

Weisheit, Sehnsucht, Schrecken und Tod. Vielleicht sind wir alle kleine Shakespeares, wenn wir träumen, aber nur ein

Meister wie Kurosawa kann so genial seine Träume verfilmen. Wilfried Hippen

Landschaft

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