Theaterkritik im Internet: "Ist da draußen was?"

Auf Nachtkritik.de sind bereits morgens Rezensionen zu den Theaterpremieren vom Vorabend zu lesen. Mit der Website ist die Theaterkritik im Internet angekommen.

Sowohl Macher, als auch Zuschauer nutzen die Seite Bild: screenshot nachtkritik.de

Theaterkritiken, die Nikolaus Merck für die Nachtkritik schreibt, entstehen gegen Mitternacht. "Die Nacht ist anders als der Tag", sagt er und seufzt. Auch nach dem ersten Jahr sei die nächtliche Situation des Schreibens direkt nach der Premiere, allein mit sich und seinen Gedanken und dem Abgabetermin um sieben Uhr früh im Nacken geradezu abenteuerlich für ihn.

Nachtkritik ist die erste deutschsprachige Website, die Theaterkritiken schon am Morgen nach der Vorstellung ins Netz stellt. Obwohl die Situation des Schreibens für die Nachtkritiker anders ist als beim Printfeuilleton, bleiben die Kritiken selbst aber eher klassisch. "Das Medium verändert die Botschaft nicht so stark, wie wir anfangs dachten", sagt Petra Kohse, eine der sechs RedakteurInnen der Site. Doch ihr Selbstverständnis ist ein anderes als das der Kritiker der alten Schulte: "Wir wollen weg von diesem kunstrichterlichen ,Daumen rauf, Daumen runter'", sagt Kohse.

Schon die Auswahl der Stücke hebt sich entsprechend von derjenigen der gedruckten Zeitungen und Magazine ab. Während die meisten Feuilletons eine eher schmale Bandbreite von Premieren großer Häuser abdecken, stellt die "Nachtkritik" auch regelmäßig Texte aus der sogenannten Provinz ins Netz. Im Gegensatz zum Print hat die Seite luxuriös viel Platz und nutzt ihn, um regionalen Spielstätten wie dem Staatstheater Mainz ebenso Raum zu geben wie dem Thalia Theater Hamburg. Auch kleinere Theater der freien Szene wie das Theater unterm Dach in Berlin stehen in der Kritik gleichberechtigt neben den großen Häusern. "Wir sind als Freie besonders auf solche Projekte angewiesen", sagt Anna Poeschel, Pressesprecherin der Sophiensäle Berlin. "Die Künstler benötigen noch wesentlich mehr Reflexion als Castorf oder Gosch und können sich oft kaum gedulden, bis die Berichterstattung online ist".

Auch in den Dramaturgien der großen Häuser wird morgens auf die Nachtkritik geschaut, was an den hochschnellenden Einschaltquoten zu sehen ist: die Nachtkritik als eine Art Informations- und Servicespielzeug für Theaterschaffende. "Das Paradoxe an der Seite ist zwar, dass das Tempo die Möglichkeit zur Reflexion nicht unbedingt fördert", sagt Christof Belka von der Berliner Schaubühne. "Aber die Nachtkritik hat sich sehr schnell sehr gut etabliert".

Nicht nur die Bandbreite der Theater, die in der Kritik vorkommen, ist größer als im Print und zeigt ein demokratisches Verständnis von Theater. Auch die Autorität der Kritiker wird zur Disposition gestellt. Zum einen werden nach Art des Perlentauchers die Stimmen anderer zu denselben Vorstellungen zusammen gefasst und verlinkt. Zum anderen können Leser Kritiken und Stücke kommentieren -und das ist die wohl revolutionärste Neuerung, die die Nachtkritik für den Theaterbereich mit sich bringt. "Wir wollten einfach wissen, ob es überhaupt noch einen Diskurs über Theater gibt. Wir haben uns gefragt ,Ist da draußen was?', sagt Petra Kohse.

Da ist was. Manche der anonymen Kommentatoren machen im typischen Chat-Ton klar, was sie von der Vorstellung halten ("Sorry, ich fands scheiße"), andere regen ganze Debatten zur Kulturpolitik an oder posten eigene Aufführungsanalysen. Frank Castorfs "Emil und die Detektive" an der Berliner Volksbühne hat eine der lebendigsten Diskussionen ausgelöst: In über 80 Kommentaren geht es um Milan Peschels Schauspielkunst, ein allgemeines "Volksbühnen-Bashing", die Frage, ob das Stück "kindgerecht" ist und die Top-Ten der Castorf-Inszenierungen. Kommentare zu anderen Stücken drehen sich darum, welche Formate überhaupt noch als Stück gelten, wie gerecht Kritiken sein können oder nach welchen Kriterien Intendanten besetzt werden sollten. "Es ist ein Glück zu sehen, wie Kontroversen und Gespräche ausgelöst werden", sagt Anna Poeschel von den Sophiensälen. "Man bekommt sonst so wenig Feedback, aber genau dafür macht man es". Manche Konzepte der "Nachtkritik" sind nicht ganz aufgegangen; so werden anders als erhofft kaum Beiträge gepostet, die nicht direkt mit einem Stück in Verbindung stehen. In diesem Sinn ist die Seite ein Experimentierfeld: Was funktioniert, wird ausgebaut. Ein solches Projekt ist die Zusammenarbeit mit den Mühlheimer Theatertagen. Während des Stücke-Festivals im Mai produziert die "Nachtkritik" eine virtuelle Festivalzeitung, in der Kritiken, Dossiers und Kommentarfunktionen angeboten werden.

Von anfangs 10.000 Lesern pro Monat haben sich die Userzahlen der Site mittlerweile auf monatlich 50.000 erhöht. Als Konkurrenz zum Printfeuilleton sehen sich die Nachtkritiker deshalb aber nicht. "Wir sind einfach nur Ausdruck der Veränderung medialen Konsumverhaltens", sagt Nikolaus Merck. Was in anderen Branchen wie im Tanz oder beim Film schon lange üblich war, gibt es jetzt auch für das Theater. Die Theaterkritik ist im Internet angekommen. PATRICIA HECHT

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