: Gelungene Gesten
Osteuropäische KZ-Opfer – private Hilfe, wo der Staat versagt
Von Christian Semler
Erstveröffentlichung in: Wochenpost Nr. 51/ 12.12.1996
Hart arbeiten
“Die überlebenden Opfer haben uns die Hand gereicht, wir werden hart arbeiten müssen, um uns ihrer würdig zu erweisen.“
Volker Beck, MdB, Bündnis 90/ Die Grünen
Chuzpe
“Wenn nach all dem, was geschehen ist, Deutschland die Chuzpe hat, sich aus seiner Pflicht davonzustehlen, dann ist das haarsträubend und entwürdigend.“
Margers Vestermanis
Danksagung
“Hab ich gegessen und gewohnt in Auschwitz. Hab ich Deutsch gelernt und eine Ausbildung als Zimmermann gemacht. Und alles umsonst. Und jetzt bekomm ich noch 50 DM im Monat geschenkt. Was für ein Glück.“
Stanislaw Hantz, Vorsitzender des Verbands ehemaliger KZ-Häftlinge in Zgorzelec, fast fünf Jahre in Auschwitz inhaftiert, zur Entschädigungszahlung der „Stiftung“ von insgesamt 2500 Mark.
Thomas Thun lebt in Haindling, Niederbayern, ist Kind aus der Tschechoslowakei vertriebener Sudetendeutscher und arbeitet als Psychologe am örtlichen Krankenhaus. Aus seinem und seiner Eltern Schicksal, dem Verlust der Heimat, hat er etwas andere Schlußfolgerungen gezogen als die Führung der sudetendeutschen Landsmannschaft, die immer nur auf einen Gegenstand fixiert ist: das eigene erlittene Unrecht.
Statt Entschädigung zu fordern, entschädigt der Psychologe selbst. Hundert Mark seines Monatssalärs gehen an die Überlebenden vom Verband der tschechischen KZ-Opfer. Denn die Frauen und Männer aus Böhmen, die im zweiten Weltkrieg Sklavenarbeit für den deutschen Endsieg leisteten, haben bislang keinen Pfennig aus der Bundesrepublik gesehen.
Diese Geste der Wiedergutmachung fand nicht nur den Beifall von Vaclav Havel, der stets das Handeln aus individuellem Gewissensirnpuls der landläufigen „Verantwortungsethik“ der Politiker vorgezogen hat. Nachdem Dr. Thuns freiwillige Selbstverpflichtung der Öffentlichkeit bekannt wurde, bildete sich, quer durch Deutschland, ein kleiner Kreis Gleichgesinnter, der sich seinem Vorbild anschloß. Denn Dr. Thuns Geste ist mehr als ein Befreiungsschlag, um sich im tschechisch-deutschen Verhältnis aus dem immer gleichen Schema gegenseitiger Schuldzuweisungen zu lösen, mehr als ein Versuch, sich mittels einer erträglichen monatlichen Belastung zu einem guten Gewissen zu verhelfen. Sie ist ein Akt des Nonkonformismus, ein Einspruch, bestimmt für die Öffentlichkeit. Sie zeigt die »civil society«, die viel beschworene Bürgergesellschaft in Aktion.
Selbstverständlich leugnet das Auswärtige Amt jedes Junktim zwischen einer Entschädigung für tschechische Zwangsarbeiter bzw. KZ-Insassen und Konzessionen der tschechischen Seite den Sudetendeutschen gegenüber. Es wird auf laufende Verhandlungen zur Errichtung einer Stiftung für tschechische KZ-Opfer verwiesen. Fakt ist aber, daß auch für 1997 kein entsprechender Haushaltsposten vorgesehen ist. Geht in Bonn alles weiter seinen gemütlichen Gang, so wird der Tod des letzten KZ-Insassen alle Probleme lösen.
Ein ähnliches Bild in den baltischen Staaten. 1995 und 1996 akzeptierten Estland und Litauen eine pauschale Summe von je zwei Millionen Mark für soziale Projekte als »Ersatz« für individuelle Entschädigungen. Der Verband der jüdischen Überlebenden von Ghetto und KZ in Lettland wies das Almosen zurück. Bis jetzt ist kein Abkommen zustande gekommen. Dafür erhalten lettische SS-Veteranen eine monatliche deutsche Rente, sofern nicht erwiesen ist, daß sie an Verbrechen teilnahmen.
Die 91 noch lebenden KZ-Opfer in Lettland, heute meist bettlägerig und pflegebedürftig, wären also völlig ohne Unterstützung, gäbe es nicht auch hier deutsche Initiativen, die für sie Geld und Medikamente sammeln, sie besuchen, ihre letzten Tage erleichtern: in Freiburg, in Hannover, in Berlin, in Leipzig. Einer solchen Initiative ist es auch zu danken, daß der lettisch-jüdische Historiker und KZ-Überlebende Margers Verstermanis das von ihm begründete Museum und Dokumentationszentrum „Juden in Lettland“ offenhalten und daß er seine Forschungen über die Vernichtung der lettischen Juden fortführen kann. Die Kritik, die diese Initiativen an der Untätigkeit der Bundesregierung üben, verpufft. Wegschauen, verschleppen, aussitzen lautet die Devise auch seitens der Mehrheit im Bundestag.
Die deutsche Regierung verweist gern darauf, daß sie seit Bestehen der Bundesrepublik 96 Milliarden Mark im Rahmen von Entschädigungs- und Rückerstattungsgesetzen an die Opfer des Naziregimes gezahlt hat. Zweifellos eine große Anstrengung, aber auch eine nützliche Investition, die half, der Bundesrepublik das Tor in die westliche Staatengemeinschaft zu öffnen. Es trifft auch zu, daß zu Beginn der 90er Jahre zuerst mit Polen, dann mit der rußländischen Föderation, Weißrußland und der Ukraine Verträge zur Errichtung von Stiftungen abgeschlossen wurden. Diese Stiftungen wurden im Fall Polens mit 500 Millionen, im Fall der europäischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion mit einer Milliarde Mark ausgestattet.
Verbände der KZ-Häftlinge waren allerdings am Aufbau der Stiftungen nicht beteiligt. Die Entschädigungssumme hängt von der Dauer der erlittenen Haft bzw. Ghettoisierung ab, übersteigt aber selten die Gesamtsumme von 1000 Mark. Und auch das nur, wenn die Dauer des KZ- Aufenthalts lückenlos nachgewiesen wurde. Die Häftlingsnummer allein genügt nicht.
Zweck dieser Stiftungen ist es gerade, individuelle Entschädigungsansprüche an die Bundesrepublik Deutschland abzuwehren. Schon während der Verhandlungen zur deutschen Einheit wurde von deutscher Seite das Zwei-plus-Vier-Arrangement auch deshalb mit solcher Verve verfochten, weil eine Friedenskonferenz, damit aber eine »Lawine« von Schadenersatzforderungen verhindert werden sollte. Lassen wir die Frage auf sich beruhen, ob solche Befürchtungen damals eine realistische Grundlage hatten. Fest steht aber, daß mit dem »Quasi-Friedensvertrag« von 1990 der Bundesrepublik die moralische Pflicht auferlegt wurde, wenigstens den KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern in Ost- und Südosteuropa freiwillig das zuzugestehen, was völkerrechtlich gegenüber Deutschland kaum mehr durchsetzbar wäre. Jetzt hat die Bundesregierung im Prinzip beschlossen, eine weitere Stiftung für die ehemals sozialistischen Länder Südosteuropas einzurichten. Schön wär‘s. wenn wir bald von deutschen helfenden privaten Initiativen in Albanien, Rumänien, Bulgarien und dem ehemaligen Jugoslawien hören würden, die unseren Regierungen Beine machen. Viel Zeit bleibt nicht mehr.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen