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„Vernachlässigung des Menschen“

■ Bis zu 80.000 Analphabeten in Hamburg / Förderung ungewiß

„Ein Mensch ohne Schrift ist in unserer Gesellschaft wehrlos“, beschreibt Sozialpädagogin Doris Haake die Arbeit der Hamburger Erwachsenen Bildung e.V. (HEB). Schätzungen zufolge leben allein in Hamburg zwischen 40.000 und 80.000 deutschsprachige Erwachsene, die nicht oder kaum lesen und schreiben können. Laut Schulbehörde verlassen jährlich rund 800 AnalphabetInnen die Schule.

Den heutigen Weltalphabetisierungstag begeht die HEB ab 11 Uhr im Hamburg-Haus Eimsbüttel mit der Eröffnung einer Ausstellung unter dem Titel „Welten der Wörter“, es folgen eine Theateraufführung sowie eine Podiumsdiskussion über „Soziale Bedingungen als Entstehungsfaktoren von Analphabetismus“.

Fehlende oder mangelhafte Kenntnis der Schrift, sagt Doris Haake, beruhe meist auf „massiver Vernachlässigung des ganzen Menschen“. „Fast alle unsere TeilnehmerInnen stammen aus unteren sozialen Schichten und haben in ihren Familien Gewalt, Armut, sexuelle Übergriffe und Kommunikationslosigkeit erfahren“, erläutert HEB-Sozialpädagogin Cornelia Kerth. Derartig überforderte Kinder seien im mittelschichtsorientierten Bildungssystem blockiert.

Bei vielen erwachsenen Analphabeten reiche es nicht aus, Schriftsprache in Lehrgangsform zu verordnen, betont Kerth. Die Betroffenen müssen ihre Scham überwinden und freiwillig kommen. “Wir haben keinen Lehrplan, sondern bearbeiten individuell sämtliche Probleme, die unsere TeilnehmerInnen bei der Alltagsbewältigung haben.“

Dieses Konzept ist bedroht. Seit 1990 werden die 60 Plätze der HEB nach dem Bundessozialhilfegesetz (BSHG) als Maßnahme zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten finanziert. „Mancher braucht zwei, andere fünf Jahre Förderung. In jüngster Zeit geht die Tendenz dahin, daß die Behörde die Notwendigkeit schon nach einem Jahr in Frage stellt“, klagt Doris Haake. Seit Anfang des Jahres habe sich die Bearbeitungszeit von Verlängerungsanträgen von drei auf sechs bis acht Monate verlängert, weil Anträge häufiger als bisher zur Bescheidung an das Landessozialamt weitergeleitet würden. Die HEB finanziert diese Wartezeit vor, um die Betreuung nicht zu unterbrechen und ist mittlerweile in akuter Konkursgefahr.

Die zuständige Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales (BAGS) gibt den Schwarzen Peter zurück: Dort würden nur vereinzelt Anträge entschieden, die den Bezirkssozialämtern problematisch erschienen. „Hier liegt kein einziger Antrag“, so BAGS-Sprecherin Christina Baumeister. Lange Bearbeitungszeiten kämen zustande, wenn Anträge zu kurzfristig gestellt oder nicht ausreichend begründet würden: „Da schießt sich die Einrichtung selbst ins Knie.“

Marlene Reimers

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