zwischen den rillen

Dumpf ist Trumpf: Böhse Onkelz und Joachim Witt

Politik ist Niedertracht

„Was verboten ist, das macht uns gerade heiß“, sang Wolf Biermann einst in einem seiner lichteren Momente. Er formulierte damit das Problem einer Protestmusik, die das Erreichte eigentlich ganz verteidigenswert, die Affirmation des Bestehenden aber auch ein wenig langweilig findet. Die staatstragende Rolle verträgt sich schließlich nicht gut mit dem Gestus der Aufmüpfigkeit.

Die Böhsen Onkelz haben solche Probleme nie gehabt: Sie zehren vom Nimbus des Verbotenen, seit ihre frühen Werke wegen rassistischer Inhalte indiziert wurden. Auch wenn sich die einstige Skin-Combo seitdem geläutert gibt und sich musikalisch beträchtlich weiterentwickelt hat, zu einer der heute erfolgreichsten deutschen Rockbands, so haftet dem Quartett noch immer der Ruch von Outlaws an: ein Image, das sorgsam gepflegt wird. Die Ankündigung einer neuen Platte wird heute städteweit plakatiert, und längst nicht mehr von eifrigen Antifa-Händen abgerissen. Und obwohl ihre Videos noch immer nicht bei Viva laufen, schnellt noch jedes neue Album der Böhsen Onkelz auf Anhieb in die oberen Charts.

Auch die neue CD „Dopamin“ glänzt, mit aufwändigem Cover, schon seit ein paar Wochen silbern in den Regalen jener Musikkaufhausketten, die sich lange gegen die unfeine Ware gesperrt hatten. Unvermeidbar grimmig blicken die vier Feisten aus Frankfurt am Main von den Titelseiten der Hardrock-Magazine. Business as usual also. Da kann die taz noch so oft schreiben, die Böhsen Onkelz seien eine rechtsradikale Band, und sich diese Freiheit vor Gericht bestätigen lassen. Da kann MTV eine weitere böse Schmähung senden, auf die die Band gereizt mit der Single „Keine Amnestie für MTV“ reagiert: Am unbestreitbaren Erfolg der Band ändert das nichts. Die Böhsen Onkelz sind eine feste Größe in der deutschen Musiklandschaft.

Obwohl also eigentlich alles zum Besten steht mit der Karriere bei den resozialisierten Onkelz, will man vom Prinzip Paranoia nicht lassen. Das Schimpfen auf „die Industrie und ihre Helfer“, mit denen man längst gütlich zusammenarbeitet, gehört zur bewährten Rhetorik, wie auch die Wagenburgmentalität des „Allein gegen alle“. Zur Geschichte der Böhsen Onkelz gehört aber auch, dass das neue Album, auf Ibiza geschrieben und in Dublin produziert, nicht zufällig „Dopamin“ genannt wurde, nach einer körpereigenen Droge, die Glücksgefühle evoziert. So klingt die Musik optimistischer als zuletzt, die Refrains wie gehabt eingängig und stadionchortauglich, und mit dröhnenden Gitarren auf ihre Art mitreißend. In den Texten dagegen dominiert das bewährte Freund-Feind-Denken, und Durchhalteparolen setzen den Ton: eine durchgehende Feier männlicher Unbeugsamkeit und Authentizität der Straße.

Erstaunlicherweise aber zeigen sich die Böhsen Onkelz in ihrem politischen Denken, wenn man es denn so nennen will, auf „Dopamin“ so explizit wie schon lange nicht mehr. In „Wie kann das sein?“ geht es um Kinderprostitution und Sextourismus in der Dritten Welt, um „verkaufte Seelen unterm Neonlicht“ und „Babys auf Crack“: Gesundes Volksempfinden trifft auf Globalisierungskritik – hey, die Böhsen Onkelz waren auch gegen den Afghanistankrieg! Ihr Song „Macht für den, der sie nicht will“ ist die Hymne einer Politikverdrossenheit, die in organisierter Politik grundsätzlich nichts als Korruption und Niedertracht sehen mag: Da wird die nachgesagte geistige Nähe der Böhsen Onkelz zum Parolenpopulismus neurechter Prägung deutlich. „Ein trostloser Haufen / Der uns regiert / Der Gesetze verstümmelt / Und nur für sich interpretiert“, holpert es in bewährter Reim-dich-oder-ich-verdresch-dich-Manier. Keine Frage: Subtile Metaphern und verfeinerte Lyrik sind nicht wirklich Sache der Bösen Onkelz.

Auch nicht von Joachim Witt, der gerne so böse wie die Böhsen Onkelz wirken würde. Allein, es reicht nur zum Geisterbahnkinderschreck. Für „Eisenherz“ hat sich der ehemalige Neue-Deutsche-Welle-Star wieder ins Gruftikostüm geworfen, das ihm allerdings einige Nummern zu groß scheint: Antichristen sehen anders aus. Rechter Grusel will sich jedenfalls nicht einstellen, eher peinliche Beklommenheit angesichts eines keuchenden Gothic-Getöses, dem rasch die Luft ausgeht. Er war so hoch auf der Leiter. Doch dann fiel er ab.

Zu pathetisch klirrenden Beats reimt Witt „Eisenherz“ auf „Schmerz“ und lässt der Regression als Autor freien Lauf. Titel wie „Supergestört und Superversaut“ oder „Steif“ lassen kaum ahnen, dass ihr Verfasser älter als 14 Jahre alt ist. Das ist offenbar Kalkül: Joachim Witt hat die Schulhöfe der Republik ins Visier genommen. Doch selbst Minderjährige dürften sich durch seinen vorpubertären Humor unterfordert fühlen. DANIEL BAX

Die Böhsen Onkelz: „Dopamin“(Virgin); Joachim Witt: „Eisenherz“(Sony)