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Dichters Privatsprache: Ein Lexikon versammelt „Goethes merkwürdige Wörter“

Krabskrälligkeit und Zäserchen

Wer hat eine Ahnung davon, wie ein Pisang vor zweihundert Jahren mundete? Voller Pik rubrizieren wir die Worte geschossener Schwebler in den Windofen. Diese Sätze versteht, wer über zweihundert Jahre alt ist und immer noch lebt. Oder wer sich eingehend mit den Werken Goethes befasst, wie es der in Zürich lebende Martin Müller tut, der dort seit 1997 ein Büro für „Buchprojekte und Texte“ betreibt. Vor allem aber hat er den Registerband zur 24-bändigen Artemis-Gedenkausgabe von Goethes Werken, Briefen und Gesprächen (1971) erstellt. Im Registerband geben sich die Wörter ein Stelldichein, versammeln sich, um Stichwortsuchenden zur Auffindung bestimmter Passagen zu verhelfen.

Doch was ist mit den Wörtern, die niemand mehr kennt? Sie werden in der Regel nicht gesucht, sondern oft überlesen, man meint den Sinn zu ahnen. Aber es ist sicher jammerschade, wenn im Fluss der Lektüre eigenartig klingende Wörter das Verständnis erschweren oder gar behindern. Das mit einem eiercremefarbenen Umschlag und einem Porträt des lesenden Goethe versehene Lexikon „Goethes merkwürdige Wörter“ hat eine Auswahl von tausend Wörtern aus des Meisters Wortschatz um sich herum versammelt. Merkwürdige Wörter, wie Titel und Vorwort betonen. Und Wörter aus Goethes und Christianes Privatsprache: „Krabsfälligkeit“ und „Zäserchen“ standen für Schwangerschaft.

Martin Müller geht dabei nicht systematisch-wissenschaftlich vor, sondern beschränkt seine Auswahl auf Lesefrüchte, die ersichtlich machen, wie viele Wörter uns zwar noch bekannt sind, aber doch oft nur in ihrer äußeren Erscheinung und nicht dem Sinne nach. Dass ein „Pisang“ eine Banane ist und „Pik“ für heimlich gehegten Groll steht, ist schon schwerlich zu erraten. Und viele Wörter bezeichnen heute etwas völlig anderes als damals. So wie Wohlstand seinerzeit für Anstand stand.

Doch den Saumagen kennen wir. Dafür hat zuletzt Helmut Kohl gesorgt. Es war sein Lieblingsgericht und das durften wir, im Gegensatz zu den Spendernamen – übrigens auch ein schönes Wort –, immer wieder aus den Medien erfahren. Der Saumagen zählte zudem nach Ansicht von Martin Müller zu Goethes merkwürdigen Wörtern und taucht hier gleich in vielfacher Gestalt auf. So hieß er ursprünglich „gefüllter Schweinemagen“, später „Freßsack“, aber auch „Sauranzen“, „Sausack“ und erscheint schließlich als Name in „Hanswurst Hochzeit“.

Der Wortsammler Martin Müller hofft im Vorwort, dass dieses Buch, nach einer aus der Farbenlehre zitierten Stelle, „ausführlich, umständlich, ja überflüssig“ geraten ist, womit nicht gesagt sei, es sei „entbehrlich“ und unnötig“, sondern es vermittle eine Fülle von Fakten und sei darum „überflüssig“ in jenem ursprünglichen Sinn, den Goethe und seine Zeitgenossen noch kannten. Die ganze Sammlung hat natürlich ihre Beschränkungen und so muss der Goethe-Freund auf schöne einmalige dichterische Konstruktionen verzichten, die nur in Zusammenhängen erklärt werden können. Verzichten wir also auf „Blütendampf“, „Pappelzitterzweige“ und „Hämmerchortanz“. Schade!

Es ist also ein Buch für Liebhaber, die ein wenig schlendern und blättern wollen, für Dilettanten im klassischen Sinn. Und damit diese seltenen Wörter auch mal in der Zeitung stehen – wobei bei Goethe „Zeitung“ für „Nachricht“ steht: „Die Zeitung, die ich vermelde/klingt nicht tröstlich …(Reineke Fuchs)“ – hier schlussendlich das gesamte Z-Kapitel einmal durchbuchstabiert: Zahlwoche, zahnarztmäßig, Zähre, zaselig, Zäserchen, Zeisig, zeitigen, Zeitung, Zendal, zerknieschen, zerlästern, zerspellen, zerstoben, Zettel, Zeug, Ziegelrauten, Zierlichkeit, Zindel, Zink, Zitelle, Zivilstand, Zubuße, zufällig, zunächst, Zündkraut, zunehmen, zusammengefaßt, zusammengenommen, zusammengespettelt, zusammenschmeißen, Zustand, zutätig, zwar, Zweck, zwecklos, zweideutig, zweifelhaft, zweischürig, Zwinger.

WOLFGANG MÜLLER

Martin Müller: „Goethes merkwürdige Wörter. Ein Lexikon“. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1999. 216 S., 19,90 €