Der Rechtsterrorist von Christchurch

Vollstrecker einer Ideologie

Der Attentäter von Christchurch ist muslimfeindlich. Sein „Manifest“ bedient die Wahnbilder, mit der auch Neurechte oder die AfD hantieren.

Ein Handzeichen

„White Power“: Brenton Tarrant gibt ein rechtsextremes Handzeichen Foto: dpa

BERLIN taz | Als Brenton Tarrant am Samstagmorgen vor einem Gericht in Christchurch vorgeführt wird, macht er aus seiner Gesinnung keinen Hehl. Fotos zeigen ihn grinsend, in seiner rechten Hand hat er den Daumen und Zeigefinger aufeinandergelegt, die anderen Finger nach unten gespreizt. Eine „White Power“-Geste.

Tags zuvor war Tarrant in die Masjid-al-Noor-Moschee in dem neuseeländischen Ort gestürmt und hatte dort 41 Menschen erschossen. Auch in einer fünf Kilometer entfernten Moschee fielen später Schüsse, sieben Menschen starben. Die Tat übertrug er live ins Internet. Nun beschuldigt das Gericht den Australier offiziell des Mordes. Tarrant schweigt dazu.

Schon kurz vor der Tat aber hatte er sein Motiv klargemacht. Auf seinen Onlineprofilen veröffentlichte der 28-Jährige Links zu einer Art Manifest, gut 70 Seiten lang. Tarrant bezeichnet sein Attentat darin als rassistisch und islamophob, er selbst sei ein „Öko-Faschist“. Er wolle die weiße Rasse retten.

Ein rechtsextremer Terroranschlag also.

„Der große Austausch“

Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern sagte, der Attentäter „hatte absolut die Absicht, seine Attacke fortzuführen“, bevor er von der Polizei gestoppt wurde. In seinem Auto habe er zwei weitere Schusswaffen und Sprengstoff gehabt. Ardern kündigte eine Verschärfung der Waffengesetze an. Tarrant habe seit November 2017 einen Waffenschein besessen und in der Folge die fünf Waffen gekauft, die er bei seinem Attentat benutzte.

Als seinen Vordenker benennt Tarrant den Engländer Oswald Mosley, den Gründer der „British Union of Fascists“.

Als Extremist sei Tarrant den Sicherheitsbehörden nicht aufgefallen, teilte Andern mit. Dabei war der Australier offenbar seit Jahren in der extrem rechten Szene aktiv. Sein „Manifest“ jedenfalls verortet ihn genau dort: Es bildet fast prototypisch diejenige Ideologie ab, mit der Rechtsextreme und Neurechte momentan weltweit hantieren – auch in Deutschland. Und es zeigt, wie international der Rechtsterrorismus inzwischen verzweigt ist.

Schon der Titel weist den Weg: „Der große Austausch“ hat Tarrant seinen Schriftsatz überschrieben. Es ist das Leit- und Angstmotiv der rechtsextremen Identitären, unter dem Titel veröffentlichte auch deren Vordenker Renaud Camus eines seiner Werke. Gemeint ist eine angeblich gezielte, massenhafte Einwanderung von Muslimen in „weiße“ Nationen, um deren einheimische Bevölkerungen zu marginalisieren.

„Genozid an den Weißen“ und „14 Words“

Im Grunde ist es eine alte rechtsextreme Parole: Auch die NPD warnte schon vor Jahren vor einem „Volkstod“. Zuletzt nun war es AfD-Chef Alexander Gauland, der davon sprach, dass die Regierung das „Volk völlig umkrempelt“. Deren Politik sorge dafür, „dass dieses Land von der Erde verschwindet und sozusagen nur noch irgendeine uns fremde Bevölkerung hier lebt“. Der NRW-Chef der AfD, Thomas Röckemann, wurde noch expliziter: Die Politik müsse „endlich die Stärke zur politischen Aktion aufbringen“, schrieb dieser 2016. „Sie muss bereit sein, das ‚Eigene‘ zu verteidigen und das ‚Fremde‘ auszuschließen.“

Tarrant knüpft genau an dieses Wahnbild an – und lädt es terroristisch, mit wüsten Gewaltaufrufen, auf. Auch er schreibt von einer „Masseneinwanderung“, von einer muslimischen „Invasion“ und „Besetzung“. Es seien die hohen Geburtenraten der Zuwanderer, welche die Einheimischen zur Minderheit werden ließen. Die „Invasoren“ gehörten deshalb bekämpft und deportiert, sonst drohe ein „Genozid an den Weißen“. Als Ziel gibt Tarrant eine klassisch rechtsextreme Chiffre aus, die „14 Words“: „Wir müssen die Existenz unseres Volkes und eine Zukunft für weiße Kinder sichern.“

Als seinen Vordenker benennt Tarrant den Engländer Oswald Mosley, den Gründer der „British Union of Fascists“. Benannt wird auch Donald Trump, den er zwar als „leader“ ablehne, aber als ein „Symbol für eine erneute weiße Identität“ unterstütze. Tarrant selbst sieht sich als „Partisan“. „Gewalt ist der einzige Weg zur Macht“, schreibt er.

Hauptfeindin Angela Merkel

Vieles davon erinnert an ein anderes „Manifest“: das von Anders Breivik. Der Rechtsextremist erschoss 2011 auf der norwegischen Insel Utoya 77 Jugendliche. Und auch er schwadronierte von einer „islamischen Kolonisation Europas“, von der Absicht einer „Versklavung“ der Europäer und einer „demografischen Kriegsführung“. Tarrant behauptet nun, Kontakt zu Brevik gehabt und dessen „Segen“ für das Attentat in Neuseeland erhalten zu haben.

Die beiden Taten in Neuseeland und Norwegen stehen indes nicht für sich. Schon 2017 erschoss ein Rechtsextremist in einem muslimischen Kulturzentrum im kanadischen Québec sechs Menschen. In London tötete im selben Jahr ein Mann mit einem Van einen Menschen und verletzte zehn weitere. Als Motiv gab er Islamhass an. Und im italienischen Macerata schoss ein Rechtsextremist aus seinem Auto auf Migranten, verletzte sechs von ihnen. Alle drei Attentäter lobt Tarrant in seinem Manifest, die Namen von zweien schrieb er auf seine Gewehre, mit denen er schoss.

In seinem Schriftsatz erwähnt der Australier auch Deutschland. Er geißelt die Ereignisse der Kölner Silvesternacht 2015. Und er benennt als einen seiner größten Feinde Bundeskanzlerin Angela Merkel: Wenige hätten mehr dafür getan, Europas Bevölkerung „rassisch auszulöschen“, schreibt Tarrant. Merkel stehe „ganz oben auf der Liste“ derjenigen, die ebenfalls ermordet gehörten.

„Widerstands“-Aufrufe mit Folgen

Der Hass auf Merkel und ihre Flüchtlingspolitik, die Schmähungen von Muslimen: All das vernimmt man auch in der AfD, bei den Identitären oder Pegida – wenn auch dort Gewaltfreiheit betont wird. Gleichzeitig wird die Kritik indes mit steten „Widerstands“-Aufrufen gekoppelt. Nicht ohne Folgen: So verübte 2016 ein früherer Pegida-Redner einen Sprengstoffanschlag auf eine Dresdner Moschee, verletzt wurde niemand. Der Mann wurde zu knapp zehn Jahren Haft verurteilt.

Es ist nicht der einzige Fall, in dem auch in Deutschland der Schritt von der Agitation in den rechten Terror erfolgte. Schon 2015 hatte auch die rechtsterroristische „Oldschool Society“ über einen „bewaffneten Kampf gegen Salafisten“ sinniert. „Waffen besorgen, Moschee reinrennen, bambam, fertig“, schlug deren Präsident einmal vor. Die Polizei nahm die Gruppe hoch, bevor es zu Taten kam.

Und auch der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU), der zehn Menschen erschoss, neun davon Migranten, begründete seinen Terror mit dem Kampf gegen eine vermeintliche Überfremdung: als „Garant dafür, dass der morgige Tag dem deutschen Volk gehört“, wie es in einer Selbstbeschreibung hieß. In einem Bekennervideo notierte der NSU mit Bezug auf ein Anschlagsopfer, nun wisse dieses „wie ernst uns der Erhalt der deutschen Nation ist“.

Vom Manifest zur Tat

Ein Jahr nach Auffliegen des NSU schrieb in Berlin wiederum eine ominöse „Reichsbewegung“ Moscheen und muslimische Vereine an. Sie drohte, alle „raumfremden Ausländer“ müssten Deutschland verlassen, „bevor es für Sie und ihre Familie dazu zu spät ist“. Ziel sei es, eine „Völkervernichtung durch Rassenvermischung zu stoppen“.

Und zuletzt nun waren es rechtsextreme Drohbriefe einer „Nationalsozialistischen Offensive“ oder „Wehrmacht“, die mit wüsten Gewaltandrohungen auch an Migranten gingen. Die Frankfurter Anwältin Seda Basay-Yildiz erhielt ein Fax, unterzeichnet mit „NSU 2.0“: „Verpiss dich lieber, solange du hier noch lebend rauskommst!“, hieß es darin. Genannt war in dem Schreiben auch die Privatadresse von Basay-Yildiz. Bis zur direkten Gewalt ist es dann nur noch ein Schritt weiter.

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