zwischen den rillen: Dem Geist von Stücken nachspüren
Foto: Alien Transistor/Indigo
VonStephanie Grimm
Im Sommer 2022 lud Micha Acher, Bassist der Indieband The Notwist (zudem spielt der Tausendsassa Trompete, Flügelhorn, Keyboards, Posaune) die befreundeten Musiker:innen Theresa Loibl (Bassklarinette, Klavier), Timm Kornelius (Fagott), Markus Rom (Gitarre, Banjo, Elektronik) und Simon Popp (Schlagzeug, Percussion) zum kammermusikalischen Get-together ins heimische Wohnzimmer.
Die Idee: eine Art musikalischer Séance. Konkret ging es darum, dem Geist von Stücken nachspüren, die im weit verzweigten Kosmos von Achers Hauptband entstanden sind. Was diese Stücke wohl aus der Schattenwelt zurückspielen, wenn sie neu arrangiert werden? Bekommen sie ein neues Eigenleben? Es überrascht nicht, dass auch Micha Achers Solodebüt aus einer Zusammenarbeit mit versierten Musiker:innen hervorgegangen ist, die man auch aus anderen Kontexten kennen kann.
Denn Micha Acher und sein Bruder Markus, neben Schlagzeuger Andi Haberl die Kernbesetzung von The Notwist, sind berühmt dafür, Netzwerker mit Faible für überraschende Synergieeffekte zu sein. Beide haben so großes Vergnügen am Musizieren im Kollektiv, dass man die so entstandenen Projekte gar nicht mehr an zwei Händen abzählen kann: vom Akustikensemble Hochzeitskapelle über Spirit Fest, einer bajuwarisch-japanischen Indie-Supergroup, bis zum akustischen Alien Ensemble, das Jazz und Minimal Music auf bisweilen launige Weise zusammenbringt.
Mit wechselnden Mitstreiter:innen schaffen sie immer wieder schillernde Soundamalgame. Und waren so über die Jahre an einem sehr breiten Spektrum an Klangwelten beteiligt.
Für sein Album „Henry and the Ghosts Songbook“ bedient sich Acher unter anderem beim Jazzensemble Tied & Tickled Trio, dem Indie-Pop-Duo Ms. John Soda und dem Alien Orchestra. Bei den Stücken handelt es sich nicht um Coverversionen im engeren Sinne. Bisweilen ist es nur ein Element – ein Motiv, eine Melodielinie –, das neu interpretiert wird. Im Fall von „All Tomorrows Past Part 2“ etwa holen sie Inspiration über Bande in ganz anderen Gefilden, nämlich bei The Velvet Underground – worauf das Stück nicht zuletzt durch schwebende Perkussion Bezug nimmt. Ursprünglich stammt die Hommage aus dem Kontext des Projekts Acher / Enders / Oestreicher / Curtis.
Mäandernde Exkursionen
Micha Acher: „Henry And The Ghosts Songbook“ (Alien Transistor/ Indigo)
Nach einem spieluhrartigen Intro, dem vom Alien Ensemble inspirierten „When Hamlet Left Town“, das sich als wunderbar einlullende Anderthalb-Minuten-Miniatur präsentiert, bekommen die Musiker:innen mit dem Track „Radio Four“, dem mit fast sechs Minuten längsten Song des Albums, reichlich Raum zur Entfaltung und zur dynamischen Interaktion. Man hört förmlich, wie sie sich an ihren gemeinsamen Sound herantasten, sich aufeinander einschwingen. Ein auf einen Akkord reduziertes Banjo setzt den ausschwärmenden Bläsern einen Rahmen und fungiert zugleich als eine Art Sprungbrett für mäandernde Exkursionen.
Für den Track „Nordlead“ dient das postrockige, zwischen elektronischen Beats und einer jazzig-cineastischen Atmosphäre changierende Stück „N.L“ (erschienen auf dem Album „Shrink“ von 1998) als Ausgangspunkt. Der Song bekommt ein ziemlich hauntologyhaftes Makeover, weit entfernt vom verspielten Vibe der Vorlage, die in der Hochzeit des Indietronic-Booms entstanden ist.
Foto: Theresa Loibl
Seine besondere Stimmung bekommt das Album nicht zuletzt durch häufige Wechsel zwischen Dur und Moll. Die Anmutung der weitgehend analogen Neuinterpretation ist melancholisch, aber durchweg tröstlich, durchweht von geisterhaften Erinnerungsfetzen. Ein schöner Nebenaspekt dieser warmen Klangwelten ist, dass man förmlich hören kann wie der menschliche Faktor zu Klang wird.
Das Album „Henry and the Ghosts Songbook“ wurde in gerade mal zwei Tagen aufgenommen. Die Geister, die sie riefen, schickten ihr Echo also prompt zurück.Stephanie Grimm
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