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zwischen den rillenNur die Vögel singen

Der Künstler Anton Anishchanka lebt im repressiven Belarus. Auf einem Album dokumentiert er Feldaufnahmen aus einem menschenleeren Naturschutzgebiet

Eine Mücke – so laut, als sei sie direkt am Ohr und könnte gleich stechen. Oder sind es mehrere? Vogelstimmen gesellen sich hinzu. Insbesondere der aufdringliche Ruf eines Kuckucks drängt das Insektengesumms in den Hintergrund. Und dann ist da noch ein dezentes, aber permanentes Rauschen, das erst ein Störgeräusch zu sein scheint und sich bei genauem Hinhören als plätscherndes Wasser erweist.

Diese im Norden von Belarus aufgezeichnete Klanglandschaft entstammt dem neuen Album „Hłybokaje/Čarbamysła“ des in Minsk lebenden 38-jährigen Experimentalmusikers Anton Anishchanka. Zu seinen Werkzeugen gehören üblicherweise Synthesizer, Archivmaterial und Fieldrecordings. Auf seinem vorherigen, in Zusammenarbeit mit der Ethnografin Iryna Vasilyeva entstandenem Album „Krope“ (2025) überlagerte er alte Aufnahmen belarussischer Volkslieder aus verschiedenen Landesregionen mit eigens komponierten Sounds auf Vintage-Synths, wodurch er die vom Vergessen bedrohten traditionellen Gesänge bewahrte und zugleich aktualisierte.

Anishchankas neues Abum, wie „Krope“ auf dem eigenen Label Shatkavalka veröffentlicht, beruht hingegen auf immersiven Feldaufnahmen, die einen gleichsam in eine menschenverlassene Flachland-Landschaft eintauchen lassen. Hłybokaje–Vialikaje Astravita heißt ein Naturschutzgebiet an der Grenze zu Russland, Čarbamysła ein dort gelegener See. Einst von Gletschern geformt, ist dieser idyllische Ort heute von Kiefernwäldern und Gewässern bestimmt, die vielen Tierarten Schutz bieten.

Während der Brutzeit Mitte Juni 2023 aufgenommen, kann man auf den insgesamt acht Tracks, betitelt jeweils nach der markantesten vorkommenden Vogelart, über 30 verschiedene Gesänge hören: Darunter Schwarzkehl-Eistaucher, Buchfink, Sturmmöwe, Zilpzalp – und gelegentlich singen auch Frösche und Mücken mit im Chor. Untermalt sind die Tierstimmen mit Wasserplätschern – aus Seen, Bächen und Mooren.

Das Ergebnis ist ein meditatives Sound-Erlebnis, das nicht nur zum genauen Hinhören einlädt, sondern auch eine Sehnsucht nach der menschenleeren Natur beschwört. Um die Sounds einzufangen, ist Anishchanka zwei Tage und eine Nacht mit seinen Aufnahmegeräten im Schutzgebiet unterwegs gewesen.

„Wie Fischen, nur unendlich ökologischer“ sei dieses Unterfangen gewesen, schreibt er. In einem dem Album beiliegenden Künstlerbuch, das zahlreiche von ihm angefertigte Schwarz-Weiß-Fotos der unberührten Landschaft enthält, sind auch die GPS Koordinaten, der genaue Aufnahmezeitpunkt und die vorkommenden Tiere minutiös gelistet. Letztere sogar dreifach: Auf Englisch, Belarussisch und mit ihrer lateinischen Bezeichnung. Bei der Identifizierung half Anishchanka ein befreundeter Ornithologe.

Nur ein mysteriöses Geräusch hätten weder er selbst noch sein Freund bestimmen können, heißt es im Buch. Eine seltene Tierart? Am Ende lüftet Anishchankas Frau das Geheimnis: Es handelt sich um das Schnarchen des Künstlers, der im Schlaf unbeabsichtigt in die Klangkulisse eingreift.

Die Landschaft sei zum Aufnahmezeitpunkt aufgrund einer Flugverkehrsbeschränkung und eines generellen Verbots, die Wälder zu betreten, noch menschen- und geräuscharmer gewesen als ohnehin schon. Den offensichtlichen Grund für beides kann der in Belarus beheimatete Künstler, der mit seinem Schaffen auf die Natur und Kultur seiner Heimat aufmerksam machen und sie zugleich erhalten möchte, freilich nicht ausbuchstabieren.

Anton Anishchanka: „Hłybokaje / Čarbamysła“ (Shatkavalka), digital und als limitierte Auflage (Vintage-Album-Kassette, Künstlerbuch)

Yelizaveta Landenberger

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