wortwechsel: Respektlos gegenüber Leihmüttern und Familien
Bei betroffenen Familien löst die Debatte über Leihmutterschaft Unbehagen aus. Die rechtliche Situation ist vertrackt und sollte gelöst werden
Foto: Raphaël Lorand/plainpicture
„Absturz eines Machtmenschen“, „Die einzig richtige Konsequenz“, „Die Frau als Brutkasten“, taz vom 20. 7. 26
Illiberale Gesellschaft
Ich habe selbst zwei Kinder dank einer Leihmutter in den USA bekommen, weil ich keine Kinder bekommen kann. Wir haben mit dieser Leihmutter ein herzliches und freundschaftliches Verhältnis, das ihre gesamte Familie umfasst.
Die Debatte in Deutschland verfolge ich mit großem Unbehagen bezüglich der moralischen Überlegenheit, die von vielen Gegnern der Leihmutterschaft postuliert wird, sowie der Realitätsferne, was den eigentlichen Prozess angeht. Mir stößt insbesondere auf, dass suggeriert wird, Jens Spahn hätte sich über geltendes deutsches Recht hinweg gesetzt. Das ist nicht so. Es ist absolut legal für Deutsche, in den USA ein Kind über Leihmutterschaft zu bekommen.
Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass die Rechtsprechung über die Elternschaft in den USA auch in Deutschland anerkannt werden muss. Woher kommt diese irreführende Darstellung und dann auch noch diese moralische Setzung, ein CDU-Mitglied müsste sich im Privaten in allen Aspekten gemäß Parteiprogramm verhalten?
Es war okay für homosexuelle Paare, in Dänemark zu heiraten, solange es in Deutschland verboten war. Warum soll es dann nicht okay sein, ein Kind über Leihmutterschaft in den USA zu bekommen, solange Leihmutterschaft in Deutschland verboten ist? Wir rutschen immer weiter in eine illiberale Gesellschaft hinein, wenn wir Menschen nicht mehr zugestehen, im Privaten ihre eigenen, wohlüberlegten Entscheidungen zu treffen, und anerkennen, dass es auch innerhalb von Gruppen (zum Beispiel Parteien) Differenzen gibt, mit denen wir umgehen müssen.
Die Diskussion über Leihmutterschaft in Deutschland ist dermaßen vergiftet, dass man mit vernünftigen Argumenten überhaupt nicht mehr durchkommt. Was ist mit dem Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper?
Unsere Leihmutter hat das auch aus Überzeugung gemacht, weil sie anderen Familien helfen wollte, und sie ist endlos stolz darauf, dass sie uns zu unserem größten Glück verhelfen konnte. Es sollte darum gehen zu sehen, unter welchen Bedingungen Leihmutterschaft für alle Seiten eine positive Erfahrung sein kann, und nicht darum, eine Praxis aufgrund von ideologischen Setzungen von vornherein abzulehnen und zu diffamieren.
Nachdem so viel Unsinn in den Medien geschrieben wurde, was denken nun die Erzieher in der Kita von uns oder die Eltern der anderen Kita-Kinder, die von der Leihmutterschaft wissen? Wir müssen nun im Kleinen wieder Aufklärungsarbeit machen, und gegen Vorurteile angehen, die wir ohne diese Debatte nicht gehabt hätten.
Den Artikel von Frau Mertins werde ich übrigens nicht lesen, da reicht mir schon die Überschrift: „Die Frau als Brutkasten“. Wie respektlos und herabwürdigend kann man noch über Leihmütter schreiben? Ich bin froh, dass unsere Leihmutter kein Deutsch kann. Ich würde versinken vor Scham, dass so über sie geredet wird.
Name der Redaktion bekannt
Öl ins Feuer der AfD
Schade. Ich finde das einen wirklich reißerischen und herabwürdigenden Beitrag. Wir haben selbst Kinder über Leihmutterschaft. Ich glaube, weder unsere Leihmutter, noch deren Familie, noch unsere Eizellenspenderin, noch deren Familie würden sagen, wir hätten sie ausgebeutet.
Wir lieben unsere erweiterte Familie. Und unsere Familie liebt uns. Keine der beteiligten Personen lebt in prekären Verhältnissen. Das so darzustellen wie in Ihrem Beitrag ist kurzsichtig, reißerisch, verleumdend und dumm. Es gießt Öl ins Feuer derjenigen, die aggressiv für die traditionelle Familie kämpfen. Sie reduzieren mit diesem Artikel die Frauen zu einem nicht selbst bestimmten Brutkasten für rechte Propaganda.
Name der Redaktion bekannt
Nicht strafbar
Die Durchführung von Leihmutterschaften ist in Deutschland gesetzlich eingeschränkt beziehungsweise untersagt. Diese Regelungen richten sich insbesondere gegen bestimmte Handlungen von Ärzten und Vermittlern. Die Wunscheltern selbst werden grundsätzlich nicht strafrechtlich verfolgt. Diese gesetzliche Konstruktion wirft Fragen auf.
Wenn der Gesetzgeber die Inanspruchnahme einer Leihmutterschaft selbst als strafwürdiges Unrecht bewertet hätte, wäre zu erwarten gewesen, dass auch die Wunscheltern strafrechtlich verantwortlich gemacht werden. Deutschland ist auch kein Inselstaat. Bereits in unmittelbarer Nachbarschaft existieren Staaten, in denen Leihmutterschaften unter bestimmten rechtlichen Voraussetzungen möglich sind.
Praktisch bedeutet dies: Eine Handlung, die in Deutschland nicht durchgeführt werden darf, kann im europäischen Ausland unter den dort geltenden Bedingungen erfolgen, ohne dass die Wunscheltern dadurch automatisch gegen deutsches Strafrecht verstoßen.
Jens Spahn ist seit Jahren eine umstrittene politische Figur. Es liegt nahe, dass verschiedene politische Kräfte kein Interesse daran haben dürften, dass er eine herausgehobene politische Rolle einnimmt. Die aktuelle Debatte bietet Anlass zu der Frage, ob eine persönliche Angelegenheit nicht auch für politische Auseinandersetzungen genutzt wird.
Während tagelang über eine private Entscheidung diskutiert wird, stehen Fragen der Wirtschafts- und Energiepolitik, der Migration, der Staatsfinanzen oder der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands vielfach weniger stark im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit.
Die entscheidende Frage lautet deshalb, ob die öffentliche Aufmerksamkeit in einem angemessenen Verhältnis zur tatsächlichen Tragweite eines Vorgangs steht – insbesondere dann, wenn politische Entscheidungen mit möglicherweise weitreichenden Folgen für Millionen Menschen deutlich weniger intensiv diskutiert werden. David Cohnen
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