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wortwechselArbeitszeit ist Lebenszeit. Lebensberechtigungszeit?

Leben, um zu arbeiten? Arbeiten, um zu leben? Leben, um zu schimpfen? Der Sozialstaat sollte die gröbsten Ungerechtigkeiten auffangen, alle am Wohlstand beteiligen. Vorbei?

Handwerk und Industrie bestimmen den Alltag vieler Menschen, meist als klassische Vollzeitjobs. Hier eine Werkstatt mit Frau an der Fräsmaschine Foto: Aleksei Isachenko/imago

„CDU-Angriffe auf den Sozialstaat: Überspannter Bogen“, taz vom 2. 2. 26

Ein tiefer Riss

Durch die Union geht ein tiefer Riss. Es gibt durchaus Vertreter der Union, die glauben, wenn wir AfD-Politik machen, wählen die Menschen in Zukunft uns und nicht mehr die AfD. Im Vorfeld der Wahlen hat Kanzler Merz genau in diese Kerbe geschlagen. Kommentar taz forum

Ich lebe in einer der sozial schwächsten Städte des Landes und bin trotzdem umgeben von lauter Menschen, die den Sozialstaat reduzieren wollen. Hier muss die CDU mit den Wölfen heulen. Eigentlich ein Paradoxon, liegt aber eben an der nicht mehr vorhandenen gesellschaftlichen Solidarität. taz forum

Die TeilzeitLifestyle-Debatte ist sowieso gaga, reine Ablenkung. Die Zahnarztgeschichte ist aber ernst. Natürlich ist das nicht mehrheitsfähig. Impulsive allgemeine Ablehnung ist einkalkuliert.

Aber so wird ein Diskursfeld geöffnet, bei dem die Position des CDU-Wirtschaftsrates als eines von zwei Extremen dargestellt werden kann. Da sind auf der einen Seite die bösen Onkels.

Wer andererseits das Gesundheitswesen aber auch nur im aktuellen Status erhalten will, der oder die erscheint als Vertreter des anderen Extrem, sozusagen als barmherzige Tante.

Die vermeintliche Mitte wäre dann ein „moderater“ Leistungsentzug in der GKV. taz forum

Doch, Teilzeit ist ein Lifestyle. Die Union hat eine emotionale Debatte um das Recht auf Teilzeit ausgelöst. Der Kampf um die Arbeitszeit ist eine komplexe Verteilungsfrage“,

wochentaz vom 2. 2. 26

Die Verteilungskämpfe

„Ja, weniger Arbeit würde uns allen gut tun, aber habt ihr auch an eure spätere Rente gedacht?“ Den jüngeren Teilzeit-KollegInnen habe ich damit stets die gute Laune verdorben. taz forum

Egal wie viel wir arbeiten – die Vermögensverteilung verschiebt sich kontinuierlich: weg von den Arbeitseinkommen, hin zu den Kapitaleinkünften und Erbschaften. taz forum

Laut Bibel ist Arbeit tatsächlich ein Fluch. Allerdings einer, den Gott selbst den Menschen auferlegt hat: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ 2. Brief des Paulus an die Thessalonicher 3,10. taz forum

Auf lange Sicht ist Teilzeit für viele Arbeitnehmer der einzige Weg. Deutschland besteht aus sehr vielen Familien, die aus Trennungen hervorgegangen sind und aus Eltern, die hauptsächlich alleine Kinder erziehen. Denen diese Möglichkeit per Gesetz zu nehmen, ist direkt verrückt.

Inzwischen bieten aber viele Unternehmen etliche Stellen nur noch in Teilzeit an, die sie sonst gar nicht ausschreiben würden. Das gibt es bei Kirchen und Kirchenverwaltungen, bei den Trägern der Jugendhilfe. taz forum

Gesellschaft ist so viel mehr als das kapitalistische System, das nur in Verwertungslogik denkt. Ich glaube nicht, dass „Arbeitnehmer in Vollzeit“ ein Feindbild „Arbeitnehmer in Teilzeit“ pflegen. Aber ich glaube, die Regierung erzeugt solche Stimmungen und Ideen, nicht die Arbeitnehmer oder Gewerkschaften. taz forum

Man fragt sich spontan, warum es viele unserer Errungenschaften nicht auch in den USA gibt. Schließlich haben die auch gute, weltweit gefragte Produkte. Dennoch haben Millionen US-Bürger gar keinen Urlaub, keine Krankenversicherung, keine Absicherung bei Arbeitslosigkeit. Die schlichte Wahrheit ist, jede Errungenschaft, von der Arbeitnehmer profitieren, wurde den Arbeitgebern und ihren Lobbyisten abgerungen. taz forum

Und wieder lachen sich die unbesteuerten Lifestyle Millionäre schief, während ein Stockwerk tiefer über Gerechtigkeit gestritten wird. taz forum

Ich arbeite im öffentlichen Dienst und in meinem Bundesland ist es jetzt schon in meiner Branche nicht mehr möglich, Teilzeit zu arbeiten, wenn man keinen „guten“ Grund hat, also gesundheitliche Einschränkungen, Kinder oder zu pflegende Angehörige. Ich kenne auch genügend Kollegen und Kolleginnen, die völlig am Limit sind und gerne „runterschrauben“ würden und die am Ende für den Staat rentabler wären, wenn sie ein bisschen reduzieren dürften, um dann weniger häufig krank zu sein und bessere Arbeit abliefern zu können.

Oft wird knallhart und unter hohem Druck durchgezogen. Da gibt’s keine Kaffeepausen, keinen Plausch, kein Lächeln, oft nicht einmal Zeit, auf Toilette zu gehen. Wehe, man wird beim kurzen Durchatmen gesehen, von Vorgesetzten wie von Kollegen. Job übergreifend. taz forum

Dieses Teilzeitmodell kann das Arbeiten für die anderen Kol­le­g*in­nen schon ziemlich erschweren, da diese dann die „übriggebliebene“ Arbeit erledigen müssen. taz forum

Teilzeitwünsche sind insgesamt an sich weder gut noch schlecht, aber es gibt, wie bei allen Vergünstigungen (grundsätzlich krank an Brückentagen, so ein Zufall), immer einen gewissen Prozentsatz, der es ausnutzt. taz forum

Viele haben aufgegeben, mehr arbeiten zu wollen, weil die großen Versprechen des dadurch erreichbaren Wohlstandes einfach weg gebröselt sind. Kinder, Eigentum und Zukunft als Familie sind für untere Einkommen nicht mehr so erreichbar wie früher und alleine kommt man auch mit weniger klar, dann hat man wenigstens Zeit zu leben. taz forum

Fast 50 Prozent der Arbeitnehmer arbeiten nicht mehr tarifgebunden. Die Gewerkschaften finden kein Rezept dagegen.

In der Spitze aber verdienen CEOs heute oft das 281-fache bis über 300-fache eines typischen Arbeitnehmers. taz forum

Ich wäre für eine unbedingte Teilzeit für Parlamentarier, vielleicht würde dann nicht soviel Unfug verbal fabriziert.

taz forum

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