piwik no script img

unterm strichHeiter-hemds­ärmeliges Literatur­fest am Wannsee

Von Hubert Winkels stammt eine Bemerkung, die sich immer mal wieder gut als Texteinstieg eignet, wenn einem grade kein besserer einfällt. Vor Jahren dachte der Literaturkritiker über seine Beobachtung nach, dass sich auf Partys Gespräche über Bücher recht schnell in Gespräche über Kinofilme oder Fernsehserien wandeln. Auf der empirischen Basis des Sommerfestes im Berliner Literarischen Colloquium am vergangenen Wochenende, das dieses Jahr der Fischer Verlag ausrichtete, lässt sich diese Beobachtung nur teilweise bestätigen.

Es wurde schon auch über Christopher Nolans Verfilmung der „Odyssee“ gesprochen, etwa mit Hinweisen darauf, dass das Motiv der Opfertäuschung in der „Dialektik der Aufklärung“ bereits gut ausgeführt sei. Es wurde an diesem Samstag aber, dem herausfordernden Wetter trotzend, das abwechselnd Regenschauer und Sonnendurchbrüche über den Wannsee schickte, auch sehr viel über Bücher und Autor*innen gesprochen.

Nach der fulminanten Lesung von Wolfram Lotz musste man sich etwa unbedingt gegenseitig versichern, wie großartig das war. Verse wie „Björn Höcke / der Arsch explodiert“ oder „ich hab die Zähne schief / das deutsche Literaturarchiv“ skandierte Lotz mit hohem Druck durch den Saal des LCB; eine tolle performative Schau. Die enttäuschte Gruppe wiederum, die nicht mehr in die Lesung von Valeria Gordeev und Katerina Poladjan gekommen war – wegen eines anrückenden Regengusses war sie in das kleine Gartenzimmer des Anwesens verlegt worden –, versicherte sich gegenseitig, wie gespannt man auf Gordeevs Debütroman sei, dem alle im Herbst den Deutschen Buchpreis zutrauen. Und leicht amüsiert tauschte man auf einer anderen Lesung Blicke, als Ingo Schulze auf der Bühne den Satz sagte: „Ich bin unfähig, über die Gegenwart zu schreiben.“ Zur Sicherheit sei gesagt, dass dieser Satz Figurenrede war; Schulze bezog ihn nicht auf sich selbst als Autor. Wir wollen das hier auch keineswegs tun.

Es war trotz des Wetters ein heiteres, interessantes Sommerfest; es war, als krempelte der Literaturbetrieb die Ärmel hoch. Der Fischer Verlag, dessen Umzug nach Berlin bevorsteht – einige mögliche Immobilien werden gerade geprüft –, vermittelte den Willen, sich von allen Unkenrufen, die Zukunft des Lesens betreffend, nicht bange machen zu lassen. Das nahm man am Vortag der Sachsen-Anhalt-Wahl gerne wahr. drk