taz.berlin-Adventskalender (23): Wie ein netter Wal

Eigentlich mag unsere radfahrende Autorin Lkws nicht. Wenn doch nur alle so umsichtig fahren würden wie der Fahrer neulich auf der Danziger Straße!

Biegt der Lkw jetzt rechts ab, wird es für den Radfahrer potenziell gefährlich Foto: picture alliance/dpa | Jens Büttner

Vorweihnachtshektik, unter coronabedingten Masken noch anonymer, Begegnungen finden in Eile und mit Sicherheitsabstand statt. Und dann öffnet sich plötzlich doch manchmal eine Tür: eine freundliche Geste, eine Hilfeleistung, ein Gespräch. Die taz.berlin berichtet in ihrem Adventskalender 2021 von solchen Türchen, die die Anonymität einen Moment vergessen lassen.

In Gedanken bin ich schon bei meiner Verabredung in Prenzlauer Berg, während ich locker die Warschauer Straße entlangstrample. Das Rad rollt gut, der Radweg ist glatt und eben.

Plötzlich nehme ich von hinten einen Schatten wahr. Ein riesiger Lkw rollt zügig heran. Sein Motorenlärm übertönt den der Autos. Vor mir verengt sich der Radweg wegen einer Baustelle. Hektisch gucke ich mich um: Was, wenn die Rad­fah­re­r*in­nen vor mir nicht schnell genug abbremsen? Was, wenn es zwischen Lkw und Baustellenzaun zu eng wird?

„Lkw sollten in der Stadt einfach verboten sein“, denke ich. Erst letztens hatte einer schon wieder eine Rad­fah­re­r*in überrollt. Doch der Lkw-Fahrer nimmt sein Tempo zurück und bremst fast sanft ab. Er lässt uns Platz, sodass wir Rad­fah­re­r*in­nen alle ei­ne*r nach der*­die anderen vor ihm an der Baustelle vorbeikommen. An der Ampel am Frankfurter Tor kommt er neben mir zu stehen. Ich winke erst, habe dann Angst, dass er meine Geste falsch verstehen könnte. Daher lege ich schnell meine Handflächen aneinander und forme mit meinen Lippen ein „Danke“ zu der Fahrerkabine hoch.

Wir zwinkern uns zu

Foto: Aletta Luebbers/taz

Der Fahrer lächelt mir zu. Die ganze Petersburger und dann die Danziger Straße entlang fahren wir mehr oder weniger parallel. Mal bin ich vor ihm, dann wieder ist er vor mir, zwischendurch wechseln wir Blicke, zwinkern uns zu. Das Motordröhnen klingt nun beruhigend in meinen Ohren. Ich freue mich, wenn sein Schatten wieder aufholt. Als ein Autofahrer auf der rechten Seite beim Ausparken einfach auf dem Radstreifen stehen bleibt, hupt der Lkw-Fahrer ihn mit fast sanft tönender Hupe auffordernd an und wechselt die Spur.

Der Autofahrer setzt zurück, wir Rad­fah­re­r*in­nen fließen ungestört auf dem Radstreifen weiter. Der Lkw hat nichts Bedrohliches mehr, im Gegenteil. „Wie so ein großer, mächtiger Wal in einem Kinderbuch, der einen Schwarm kleiner, flinker Fische begleitet und auf sie acht gibt“, denke ich. Aber denke auch, dass Wale trotzdem nicht zu viel im seichten Gewässer unterwegs sein sollten. An der nächsten Ampel winke ich ihm noch mal zu und biege ab.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de