taz-Berlin Adventskalender 21: Onkel Nidals Gambit

1.500 Jahre alt und immer noch fies: Spätestens seit der Netflix-Serie The Queen's Gambit erlebt das gute alte Schach einen Boom.

Ein schwarzer Springer steht auf einem Schachbrett und bedroht einen Bauern

Das Pferd kann im Schach sogar eine Gabel benutzen Foto: Unsplash/Piotr Makowski

Onkel Nidal konnte zaubern. Egal, was ich machte, mein entfernter Onkel hatte auf alles am Schachbrett eine Antwort. Ich war vielleicht zehn Jahre alt, und normalerweise besiegte ich meinen zweieinhalb Jahre jüngeren Bruder locker. Doch dann kam Onkel Nidal in den Raum, sah, dass irgendwo Schach gespielt wurde, und flüsterte meinem kleinen Bruder nach einem kurzen Blick mit einem Grinsen etwas ins Ohr. Zwei Züge später war ich meine Dame los, dann ging Nidal eine rauchen.

Keine Ahnung, wie die Partie damals ausgegangen ist. Aber ich kann mich genau an diesen Moment erinnern, als ich das erste Mal in eine sogenannte Gabel, einen fiesen Doppelangriff, gelaufen bin. So nennt sich ein wunderschöner Schachzug, bei dem das Pferd bzw. der Springer so zieht, dass er gleichzeitig den König ins Schach setzt und die Dame bedroht. Ich musste zähneknirschend und ein bisschen verzweifelt meinen König aus dem Schach ziehen und die Dame war futsch. Ich hatte damals nicht die geringste Ahnung, wie es dazu kommen konnte.

Seitdem sind 25 Jahre vergangen, und Schach habe ich seitdem nur ein paar Mal gespielt. Heute weiß ich, dass Nidal zwar sehr gut im Schach ist, aber dass es zumindest kein Hexenwerk war: Viele Grundzüge, Taktiken und Tricks sind gar nicht so schwer, wie man sich das vorstellt. Und das gilt nicht nur für das Vier-Züge-Schäfermatt, das man in drei Minuten durchdringen und dann damit vor Kindern angeben kann – wie mein Onkel Nidal.

Spätestens seit der Netflix-Serie „The Queen’s Gambit“ gibt es einen Schachboom. Das 1.500 Jahre alte Spiel durchläuft gerade bestimmt nicht seine erste Renaissance, und mit Online-Tutorials und Youtube-Videos kann man die Grundbegriffe in kurzer Zeit lernen. Überhaupt: Onlineschach. Warum hat mir keiner davon erzählt, dass es die gratis Open-Source-Seite Lichess gibt, bei der man seine Partien umsonst von einem Schachcomputer analysieren lassen kann?

Eric Rosen schlägt Magnus Carlsen beim Tee

Und mit der Wiederentdeckung von Schach kam bei mir ein weiteres Guilty Pleasure hinzu: Es gibt kaum etwas Beruhigenderes als die Schachpartien vom Internationalen Meister Eric Rosen, der seine Blitzschach-Partien live ins Internet streamt und seinem stetig wachsenden Publikum erklärt, was er da gerade warum macht.

Dort hat er bei einem Blitzturnier auch zufällig mal den anonym angetretenen Schachweltmeister Magnus Carlsen besiegt, ohne dass er wusste, dass er gegen ihn spielt. Youtube-Gold. Und Schach ist auf einmal so einfach und logisch, wenn Rosen mit ruhiger Stimme und Tee trinkend erklärt, wie er die sizilianische Verteidigung spielt oder warum er so gerne mit dem Londoner System eröffnet.

Nach zwei Wochen Training habe ich dann meinen Bruder mal wieder herausgefordert. Ich dachte, dass Eric Rosen, ich und die 10-Minuten-Blitzschachuhr ihn locker fertigmachen würden. Tja, falsch gedacht. Er besiegte mich mit 4 zu 2 Partien. Onkel Nidal wäre stolz gewesen.

Erforderlich: Schachbrett oder Internet

Zielgruppe: Geduldige

Wer das spielt, spielt auch: Senet, Go, das königliche Spiel von Ur

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