piwik no script img

taz🐾lageVom Kapitol in die taz

Meine normalen Arbeitstage verbringe ich als Korrespondentin von Notus – News of the United States im US-Kapitol. Dort trage ich immer eine schwarze Stoffhose, eine weiße oder schwarze Bluse, marmorbödengeeignete Loafer und einen farbigen Blazer für den Fall, dass ich in der Speaker’s Lobby neben dem Plenarsaal des Repräsentantenhauses einen Abgeordneten für ein Zitat abpassen muss.

An meinem ersten Tag bei der taz – als Stipendiatin des Internationalen Journalisten Programms – stand ich völlig ratlos vor meinem Kleiderschrank. Was ziehe ich an für eine Redaktion, die ich nicht kenne, in einem Land, dessen Sprache ich nur stolpernd beherrsche? Ich entschied mich für eine schwarze Leinenhose und eine weiße Cropped-Oversize-Bluse – ein Spagat zwischen „seriöse Journalistin“ und „bitte lasst mich nichts bügeln müssen“. Als ich dann das taz-Haus betrat, war es, als würde ich durch ein Portal treten: Jeans. T-Shirts. Sandalen. Ärmellose Oberteile aller Art. Shorts. Eine herrliche Vielfalt menschlicher Kleidungsentscheidungen, die friedlich unter einem Dach koexistierten – und weit und breit kein einziger Blazer.

Würde ich die Welt regieren, ich würde Berufskleidung per Dekret abschaffen. Wir würden tragen, was auch immer uns am meisten wir selbst sein lässt: Shorts, Röcke, Kleider, Regenbogenfarben, Streifen, Hüte, Sonnenbrillen, Kopftücher, Halstücher, Stilettos, Sneaker. Ich habe schon angefangen, einen Hut fürs Büro auszusuchen. Wenn ihr mich irgendwo mit einem seht, der ein bisschen zu groß oder ein bisschen zu viel ist, sagt Hallo. Dank der taz habe ich das Selbstvertrauen, ihn zu tragen. Daniella Diaz