piwik no script img

szene Ein sterbender Schwan

Illustration: Donata Kindesperk

Auf dem zugefrorenen Neuköllner Ufer gibt es derzeit wieder einiges zu sehen: „Guck mal, Mama, ein Staubsauger“, ruft ein kleines Mädchen im Schneeanzug und zeigt mit dem Finger. Neben dem Staubsauger wurden auch Weihnachtsbäume, Sofas, Kinderroller, Koffer und jede Menge Bierflaschen entsorgt.

Ärgerlich schleift ein junger Mann zwei Jungs aufs Eis zurück, wo sie kurz zuvor ein Fahrrad versenkt haben. „Ihr holt das jetzt raus“, befiehlt er. Einer weigert sich, der andere knickt ein, macht sich an die Arbeit und wird von seinem Kumpel dafür hochgenommen.

Indes mache ich inmitten des Mülls ein wenig Natur aus: Ein roter Stadtfuchs flitzt übers Eis. Auch zwei elegante Kormorane stehen in typischer Neukölln-Devise – ganz in schwarz – wie Türsteher bereit.

Vielleicht sind auch sie verwirrt darüber, anthropomorphisiere ich, dass das Gelände der „Griessmühle“ inzwischen eine Privatuni („SRH University“) und die angrenzenden Schrebergärten eine Bundesautobahn („A 100“) sind. Die gesprayte Rio-Reiser-Liebesklärung am Maybachufer galt für diese Orte leider nicht: „Für immer und dich“.

Ich laufe weiter, bis zum Kreuzberger Planufer, wo zwei Touristinnen gerade verrenkt versuchen, ein Selfie mit einer Schwanenherde zu machen. „If they are ugly, they’re women“, höre ich sie sagen. Dann bricht das Selfie-Spektakel ab. Die beiden erblicken etwas, das sie bisher vermutlich nur aus „Schwanensee“ kannten: „Is he sleeping“, fragen sie eine Gruppe Frauen, die ebenfalls aufs Wasser starrt, „or …?“

Wirklich bestürzt starren die beiden den weißen Höckerschwan an, dessen langer Hals nicht mehr aus dem schmalen Wasserloch auftaucht. Um ihn herum wimmelt es von Plastik. „Der ist leider gestorben“, erklärt ihnen in resolut deutscher Manier eine der Frauen: „Wir rufen jetzt das Ordnungsamt.“

Marielle Kreienborg

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen