starke gefühle: Chatty, danke für die gute Zusammenarbeit, aber in Zukunft wieder ohne dich
Er ist immer für mich da, hilft mir, wenn ich mal nicht weiterkomme, und verspricht mir die totale Effizienz. Nicht mal alleine denken müsste ich, denn sogar das könnte er mir abnehmen, wenn ich es nur will. Die Rede ist von meinem tüchtigen Freund ChatGPT oder auch Chatty, wie er häufig genannt wird: ein KI-Bot, der auf alle Fragen immer eine Antwort parat hat.
Diese Zaubermaschine gehört aber nicht nur mir, denn rund zwei Drittel der Deutschen nutzen mittlerweile generative KI – jeder für seine eigenen Zwecke. Während ich Chatty und andere KI-Kumpel hauptsächlich für die Uni nutze, lässt sich meine alte Mitbewohnerin von der KI gerne auch mal erklären, wie man welche Wäsche bei wie viel Grad zu waschen hat. Eine Bekannte erzählt sogar von einem Freund, der fast jede seiner Fragen mündlich an den Bot richtet: „Wie komme ich zur Hauptstraße?“ – oder: „Welcher Pulli sieht besser aus?“ Chatty als Bedienungsanleitung, Google Maps und Stilberatung in einem. Hört sich einwandfrei an, oder etwa nicht?
„Beware of metacognitive laziness“ – auf Deutsch: Vorsicht vor metakognitiver Faulheit – so der Titel einer Studie aus 2024, die sich in Experimenten angeschaut hat, wie ChatGPT das Lernen von Studierenden verändert. Dabei kam heraus, dass jene Studierende, die KI nutzten, zwar bessere Noten hatten, aber so richtig viel dazugelernt hatten sie nicht. Sie haben es sich leicht gemacht und lagerten wichtige Schritte im eigenständigen Denken und Hinterfragen an den Bot aus. Das bringt mich zum Nachdenken: Werde auch ich durch ChatGPT faul?
Lange habe ich mich geweigert, KI zu benutzen. Vor drei Jahren bin ich noch locker eine halbe Stunde durch die Unibibliothek gelaufen, um das Lehrbuch mit der komplizierten Kennziffer zu finden. Ich habe im Müller jede Woche Karteikarten gekauft und beschriftet, bis ein riesiger Stapel auf meinem Schreibtisch lag. Und das machte mir auch wirklich Spaß.
Im zweiten Semester aber habe ich immer wieder neidisch auf die Bildschirme meiner Mitstudierenden geschaut. Darauf geöffnet war ChatGPT, Befehle wie „Fasse diese Vorlesung verständlich auf einer Seite zusammen“. Ich sah die Antworten der KI und dachte: Irgendwie will ich das auch. Denn während ich noch mühselig versuchte, zu verstehen, was meine Professorin mir mit dieser Folie bloß sagen möchte, waren die anderen Studis schon nach Hause gezischt.
Ich habe es also auch probiert und festgestellt: Es ist eine Hassliebe. Ich habe das Gefühl, dass ich durch die KI weniger Dinge aus reiner Freude an der Sache mache. Während ich früher die Literatur für das Semester zusammengesucht und gelesen habe, sucht heute die KI für mich und erklärt mir die schweren Begriffe. Auch wenn ich froh bin, dass ich dank Chatty komplexe Themen einfach aufgedröselt bekomme, lässt mich dieser Shortcut unerfüllt zurück. Eigentlich will ich wichtige Werke selber gelesen und komplizierte Sachverhalte verstanden haben. Auch kritisch darüber nachdenken möchte ich weiterhin selbst. Bei aller Liebe zur Effizienz: Ich will die geistige Anstrengung wieder zurück!
In Zukunft kann die KI für mich gerne weiterhin monotone Aufgaben wie die Formatierung meiner Word-Dokumente übernehmen. Die inhaltlichen Aufgaben will ich aber lieber selbst machen. Von mir aus können sie dann auch doppelt so lange dauern.
Ich nehme mir jedenfalls fest vor, das nächste Mal einfach schön händisch ein Lexikon in der Bibliothek aufzuschlagen, wenn ich ein Wort aus Michel Foucaults Werk nicht verstehe. Ganz ohne Chatty. Xenia Dederer
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