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Fußball als DemokratieretterEs kommt auch Gutes von der Kurve

Ausschreitungen, rechtsextreme Vorfälle, Machoverhalten: Fußballfans haben keinen guten Ruf. Trotzdem können sie Vorbilder sein für die Demokratie.

F ußballfans haben einen schlechten Ruf. Wen wundert das: Immer wieder liest man Berichte von Randalen und Spielabbrüchen, zuletzt gab es massive Ausschreitungen beim Derby zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und Waldhof Mannheim. Insgesamt 85 Personen mussten danach medizinisch betreut werden, 8 von ihnen im Krankenhaus. Eine linke Ultra-Gruppierung von St. Pauli machte kürzlich Fälle sexualisierter Gewalt in eigenen Reihen öffentlich. Und auch rechtsextreme Vorfälle sind in manchen Fanszenen leider eher Normalität als Ausnahme. Doch es gibt auch eine andere Seite des Fandaseins, die oft zu kurz kommt: Fußballfans können Vorbilder sein.

Als die Deutsche Fußball Liga (DFL) Teile ihrer Rechte an Investoren verkaufen wollte, warfen die Fans so lange Tennisbälle und Schokotaler auf den Platz, bis die DFL-Bosse keine Lust mehr hatten und der Deal gekippt wurde. Als der Investor Hasan Ismaik 1860 München kein Geld mehr geben wollte, musste der Verein zwar zwangsabsteigen, doch die Fans hielten ihm die Treue. Über 9.000 Dauerkarten wurden für die aktuelle Regionalligasaison verkauft. Viele der Fans sind glücklich, den Investor nach fünfzehn Jahren endlich los zu sein. Was im Verein passiert, soll wieder stärker von den Mitgliedern bestimmt werden. So geht antikapitalistischer Protest.

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Doch kann der Fußball damit die Demokratie retten? In einer kürzlich veröffentlichten Kolumne in der Zeit hieß es, Hertha BSC könne im Heimspiel gegen Magdeburg die Demokratie retten, weil das Spiel am Wahlsonntag sei. So würden die rechten Fans aus Magdeburg nach Berlin fahren und nicht gleichzeitig in Sachsen-Anhalt die AfD wählen. Das ist völliger Quatsch, die Wahllokale öffnen um 8 Uhr und das Spiel beginnt um 13.30 Uhr. Genügend Zeit also, um noch die Stimme abzugeben und danach in den Zug nach Berlin zu steigen. Und ob beim FCM wirklich mehr Rechte in der Kurve stehen als bei anderen Vereinen, müsste auch nochmal untersucht werden. In einer Hinsicht hat der Autor aber recht: Fußballfans, vor allem jene, die sich organisieren, sind wichtig für die Demokratie.

In Zeiten, in denen das Vereinswesen leidet, Kneipen weggentrifiziert werden und alarmierend viele Jugendliche Depressionen haben, sind Fußballvereine ein wichtiger Pfeiler im Miteinander. In ihnen lernt man Menschen außerhalb der eigenen politischen Blasen kennen. Zudem werden junge Menschen politisiert und Rollenbilder vorgelebt. Dass diese nicht nur positiv sind, ist vollkommen klar. Die Männlichkeitsbilder sind veraltet, rechte Fanszenen rekrutieren in Kurven ihren Nachwuchs. Regelmäßige Berichte über Vandalismus in Regionalzügen oder Übergriffe auf Mitreisende dürfen an dieser Stelle auch nicht verschwiegen werden.

Die unglaubliche Kraft des Miteinanders

Der Fußball und die Fankultur tragen eben alles in sich, was uns als Gesellschaft als Ganzes betrifft: die menschlichen Abgründe, aber auch die unglaubliche Kraft des Miteinanders. Jeder, der regelmäßig ins Stadion geht, weiß, wie schön das Gefühl von Zusammenhalt sein kann, wenn man den gemeinsamen Verein nach vorne schreit. Wenn man dann noch nach dem Spiel bei einem (alkoholfreien) Pils unnötig vergebene Standardsituationen der eigenen Mannschaft analysiert, sind jegliches Zeitgefühl, jeder Arbeitsstress und Leistungsdruck schnell vergessen.

Gerade in heutigen Zeiten sind Fußball­vereine ein wichtiger Pfeiler im Miteinander

Hinzu kommt, dass die Mobilisierungsfähigkeit von Fußballvereinen und ihren Fans unübertroffen ist. Viele sammeln Geld für soziale Projekte, veranstalten Fußballturniere für den guten Zweck, gehen gemeinsam demonstrieren oder organisieren Fahrten zu NS-Gedenkstätten. Fanfreundschaften können die Grundlage für jahrzehntelange Freundschaften über europäische Grenzen hinweg sein. Und auch Proteste gegen polizeiliche Willkür oder die Erweiterung polizeilicher Befugnisse sind eigentlich urlinke Anliegen.

Fußballfans zeigen damit, wie wertvoll Vereine sind, wie wichtig die Auseinandersetzung mit anderen Meinungen ist und wie gut es tut, sich zugehörig zu fühlen. Vielleicht kann der Fußball die Demokratie nicht im Alleingang retten. Aber ab und zu kann man sich von ihm und seinen Fans eine Scheibe abschneiden.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Vincent Bruckmann-Levinson

Vincent Bruckmann-Levinson

Vincent Bruckmann-Levinson ist Redakteur für besondere Aufgaben und Kurator der taz Talks und des taz lab. Er ist leidenschaftlicher Fußballfan und Mitglied von Hertha BSC
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