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stammzellenEthisch schwach,aber realistisch

Der Bundestag wird heute eine seiner seltenen ergebnisoffenen Abstimmungen erleben. Diesmal lautet die Frage: Dürfen menschliche Embryonen für die Gen- und Medizinforschung verbraucht werden? Wenige werden die Abgeordneten um ihren Entscheidungszwang beneiden. Fortschritt, Arbeitsplätze und die eventuelle Heilung von Krankheiten stehen gegen gut begründete ethische Bedenken, Zeitdruck gegen eine mangelhafte Datenlage.

Kommentarvon REINER METZGER

Zur Abstimmung steht ein Import- und damit ein generelles Verbot der Forschung an embryonalen Stammzellen hierzulande, weil es in Deutschland keine eigenproduzierten Linien dieser angeblichen Alleskönner gibt. Bundeskanzler Gerhard Schröder wandte sich gegen „eine Politik ideologischer Scheuklappen“, Bundespräsident Johannes Rau kritisierte ihn dafür erstaunlich deutlich: „Wo die Menschenwürde berührt ist, zählen keine wirtschaftlichen Argumente.“ Damit war der Verlierer klar: die Rau-Fraktion. Denn in unserer Gesellschaft und vor allem in der medizinischen Forschung entscheiden gerade wirtschaftliche Argumente über die Menschenwürde – wer Bildung erwirbt, wer sich wie und wo behandeln lassen kann, welche Krankheiten die Pharmakonzerne erforschen.

Und das Zeitargument? „Wenn wir es nicht sofort machen, machen es andere in anderen Ländern“ – eine solche Haltung ist zwar ethisch schwach, aber realistisch. Wahrscheinlich werden Stammzellen von Erwachsenen bald – ethisch unbedenklich – ähnlich oder genauso viel können wie heutzutage die von Embryonen. Das muss jedoch noch erforscht werden. Selbst wenn das recht schnell geht, werden die Forscher so lange ins Ausland wechseln.

So schadet in dieser Frage Pragmatismus nicht. Herauskommen wird ein typisch deutscher Parlamentskompromiss: Es dürfen keine deutschen Embryonen verwendet werden, nur importierte. Das, so monieren die Gegner zu Recht, ist Doppelmoral. Doch dieser Kompromiss hilft weiter. Nur muss der Gesetzgeber nach der Grundsatzentscheidung nachlegen. Zu klären ist, wer schnell und effektiv kontrolliert, was die Genetiker mit den Stammzellen anstellen. Und wie gesichert wird, dass die Politik bei neuen ethischen Grenzfragen kompetent mitreden kann und ihre Gesetze nicht wieder hinterherhinken. Solche Details fallen im politischen Großkampf gerne hintunter. Aber sie sind ebenso wichtig wie die große Ethik.

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