spielplätze (4): im kptn a. müller: Frei von nationalen Gefühlen

Keine Nationen, keine Fahnen, kein Publikum

Alle gucken wieder Fußball. Die taz auch. Bis zum Ende der Europameisterschaft berichten wir täglich live von den Berliner Spielplätzen. Heute: Rot gegen Weiß im kptn a. müller in Friedrichshain.

126 Zeilen über etwas zu schreiben, was gar nicht da ist, ist eine feine Sache - vor allem, wenn es um die Nation geht. Weg isse.

Ich sitze in einem muffigen Hinterzimmer in der Simon-Dach-Straße, in einer der wenigen Kiezkneipen, die noch ohne Heizpilzkommando auf dem Gehweg auskommen und in denen es n "Sterni"-Bier für 1,50 Euro gibt. Auf dem großen Fernseher spielt Rot gegen Weiß, und alles, was national ist, ist hier und heute scheißegal.

Weil: Nation muss nämlich draußen bleiben. "EM ohne Nation(alfarben)" steht vor dem Eingang an der Tafel. Fahnen, Trikots, jegliche Backenbemalung sind hier verboten. Sprich: Kein konstruiertes Stimmungsbild, das jetzt genau so aussehen müsste, wie man sich ohnehin schon alles vorgestellt hat, so mit sauffreudigen Russen, Siesta-Spaniern, Wodka und ganz viel Paella. Plus: Niemand lamentiert über nicht jubelnde deutsch-polnische Torschützen, und auch dieses ganz normal gewordene Fahnengeschwinge verstellt - zumindest hier - nicht den Blick auf die unumstößlichen Realitäten dieses Fußballabends: Rot spielt gegen Weiß (sorry, so viel Farbe muss sein).

Alle dachten, Rot gewinnt, stimmt auch, vier zu eins. Ist mir im Prinzip aber egal. Ich gucke mir das so ein bisschen an, mag Spielen schon von der Idee her, und verfolge empathisch - sonst wär ich ja nicht hier - nicht minder das Spiel mit dem Ball.

Umso besser, wenn dabei niemand meckert, weil mein Hals zu lang, mein Kopp zu groß oder ich zu weit links oder rechts bin. Nö. Hinter mir sitzt niemand, neben mir nicht und auch sonst nirgends, denn, also das muss ich natürlich der Vollständigkeit halber erwähnen: Außer mir und der Wirtin ist niemand da. Ja, ist ja richtig: Das eignet sich natürlich im Prinzip nur bedingt für ne Reportage über "Public Viewing". Andererseits: Das Verfolgen öffentlicher Ereignisse im öffentlichen Raum bei gleichzeitigem Alleinsein - wann hat man das schon mal? Ich meine: Ob es da nen Zusammenhang gibt mit dem Nationszeug und dem Guckenwollen? Und: Was wäre wohl, wenn doch mal jemand käme, so voller Nationalfarben und so. Moment, ich frag mal.

Neee, sie hat noch niemanden verhauen, meint die Wirtin Celine, die mit drei Freunden den friedvollen Schuppen betreibt. Na ja: War also noch niemand da im Trikot, bei dem beherztes Einschreiten vonnöten gewesen wäre. Das bestätigt mich doch von der Sache her: Wo es nicht so patriotisch läuft, bleibts friedlich. Einfach nur Fußball eben, ohne Pathos - und mit dem entspannenden Luxus, sich trotz torreichen Ballwechsels endlich mal wieder Gedanken machen zu können über Sachen, die einen sonst viel zu wenig bewegen.

Von wegen der Biene da am Fenster zum Beispiel: Neulich hab ich im Fernsehen gesehen, dass, wenn die Bienen sterben, die Menschen vier Jahre später auch tot sind - und die Bienen sind bald alle tot. Deshalb sollten eigentlich mehr von uns Imker werden (das sagen zumindest die Imker), aber alle wollen ja immer nur Fußballmoderator oder Kommentatorin sein und Sätze sagen wie: "Die Russen stehen zu wenig komplex." Ich zumindest.

Aber ich bin ja nun mal als Autor tätig, und deshalb lesen Sie hier, welcher Texteinstieg mir zwischen dem dritten und vierten Tor einfiel: "Wer schon einmal erlebt hat, welche unvorhersehbaren Effekte ein eigener Pups entfalten kann, weiß, dass auch windige Unterfangen Substanz haben können." Das müssen Sie natürlich auf sich wirken lassen. Und? Wollen Sie diesen Satz nicht auch in der Zeitung lesen? Aber, ach ja, jetzt, wo ich doch ganz allein bin, will ich mich doch auch mal zu kommentieren trauen, also: "Liebe Nation, noch ist wenig los auf dem Spielplatz. Die Stimmungslage ist stabil, die Preise sind fair. Und ich bin der Kapitän."

Oh, jetzt ist jemand reingekommen. Na, ich geh mal besser von Sendung. MARTIN KAUL

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