rille:
Wer auf den gängigen Streaming-Plattformen nach dem Bandnamen Insecure Men sucht, muss erst mal eine halbe Ewigkeit durch Mental-Health-Podcasts nach unten scrollen. Diese Podcasts machen sich auf der Langstrecke dann Gedanken, ob es noch okay sei, Männer zu daten, oder, weshalb „weibliche Lebensenergie blockiert“ sei, bis man endlich auf die gesuchte Band stößt.
Von daher: Es wäre vielleicht heilsamer, weniger Podcasts zu hören und vermehrt auf musikalische Entdeckungsreisen zu gehen. Wobei Insecure Men strenggenommen keine Newcomer sind. Denn dahinter steckt zum einen der britische Musiker Saul Adamczewski, der als Mitglied der Band Fat White Family bereits in den Zehnerjahren erfolgreich die Gemüter erregt und die Medien provoziert hatte und für anarchische musikalische Erfrischung im mittlerweile ziemlich eintönigen Popbusiness auf der Insel gesorgt hat.
Ben Romans-Hopcraft, der andere Songwriter von Insecure Men, hat hingegen vorher mit der Band Childhood verträumt geschmeidigen Indierock gemacht – der klang eher solide als gewagt. Zusammen gründet das Duo also 2015 Insecure Men mit weiteren Musikern und vereint nun die gute Hässlichkeit der einen mit der schlechten Schönheit der anderen Band. Es heißt, dass Künstler*innen ein Unglück brauchen, um sich kreativ voll entfalten zu können. Kann schon sein.
Das Album „A Man For All Seasons“ fußt vor allem auf Adamczewskis Songschöpfungen aus einer Schaffensphase, die von mentalen Konflikten, Melancholie und Malaise geprägt war. „Love Again“ beginnt pessimistisch: „The Horizon, is not always a new beginning/ The talk runs thin, so you walk again/ Blessed by the wind“, doch die Bossa-Nova-Exotica-Anmutung der Musik klingt hoffnungsvoll.
Die verschiedenen musikalischen Ebenen in den Songs der Insecure Men sind vordergründig optimistisch, selbst das Saxofon findet dafür eine eigenwillige Klangfarbe. Während man beim ersten Hören enthusiastisch reagiert, gerät der zweite Höreindruck schon irritierender: Fröhlich, freundlich und simpel mutet „Cleaning Bricks“ an, während „Krab“ auch auf einem Softporno-Soundtrack Platz finden könnte und sich „Graveyard (Of Our Love)“ fast kitschig banal den Gesetzmäßigkeiten einer Ballade unterwirft.
Jedes Stück klingt anders und doch entsteht Kohärenz, nämlich aus der Fähigkeit Adamczewskis, die Kontrolle abzugeben: Bandkollegen – neben Romans-Hopcraft – Marley Mackay, Victor Jakeman, Alex White und Steely Dan Monte übernehmen dann und fügen jeweils ihren eigenen Stil hinzu, weshalb die Musik zunächst unkoordiniert erscheint, wenn Bläserarrangements auf Synthesizer und Vibrafon treffen.
Ein Genesungsprozess verläuft aber auch nicht immer nach Plan. Genauso wenig klingt „A Man for all Seasons“ als Album stringent. Eher ist es ein Mosaik unterschiedlichster Gemütslagen – und dadurch wirkt die Musik von Insecure Men unkompliziert und frei.
Adamczewski hat sich von alten Dämonen befreit und zu einem formidablen Komponisten entwickelt, der Texte schreibt, die so tieftraurig und integer sind wie „Drink me slowly/ Drink me gladly/ Drink a hole inside my head“, oder „You want it darker/ I want it blind/ I wanna peel off the back of your eyes“. Es ist keine leichte Kost und verdient darum eingehende Auseinandersetzung und viel Aufmerksamkeit.
Insecure Men: „A Man For All Seasons“ (Fat Possum/Indigo)
Der offene Umgang mit seiner Vergangenheit ist für den Mastermind Adamczewski kein Anliegen, das er mit künstlich geschaffener zerbrochener Künstlerseele inszeniert; es ist auch kein in Selbstmitleid ertrinkendes um sich selbst Kreisen, er spricht damit bloß eine Entschuldigung an seine Mitmenschen aus: „Would you love me/ Would you tell me/ That you loved me when I do all those terrible things/ Those unforgivable things / I guess you won’t/ Neither would I/ So goodbye“.
Adamczewski schreibt selbst: „Es klingt total kitschig, aber es geht darum, die Wahrheit zu finden, eine innere Wahrheit oder einen Sinn. Genau das versuche ich gerade. Das Leben ist hart und ich habe es mir nicht leicht gemacht, schon gar nicht für die Freunde. Aber Musik kann heilen und helfen, das alles zu überstehen.“ Wenn sie dabei so drohend dröhnt und beunruhigend erblüht wie beim Song „Butter“, ist der Heilungsprozess auf bestem Wege.Du Pham
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen