meinungsstark:
Nur ein gradueller Unterschied
„Frau K. verhält sich, als wäre sie Gott“,
wochentaz vom 25. – 31. 7. 26
Wem es heute schwerfällt, sich vorzustellen, oder geradezu unvorstellbar erscheint, wie es geschehen konnte, dass sich vor 90 Jahren innerhalb weniger Jahre ein ganzes Volk zu willfährigen Helfern entwickelte, um sechs Millionen Menschen zu ermorden – kann aus diesem Text sehr viel lernen. Ob man einen Menschen ohne oder mit falschem Pass deportieren lässt oder den jüdischen Nachbarn „ins Gas“ schickt, ist nur ein gradueller Unterschied.
Damals wurden Menschenleben ausgelöscht, heute werden „nur“ Existenzen vernichtet. Der Unterschied ist nur ein Aktenzeichen breit. Die Mentalität hinter dem Aktenzeichen ist dieselbe geblieben. Der „Persilschein“ ist bereits ausgestellt. Menschen werden zu Aktenzeichen, zu Nummern auf dem Arm. Sie verschwinden, niemand trägt dafür Verantwortung. Regeln müssen befolgt werden.
Frau K. bleibt anonym, sie trifft keine Schuld. Sie tat nur ihre Pflicht.
Richard Hehn, Villingen-Schwenningen
Sterbehilfe
taz vom 16. 7. 26
Ich liebe meine Arbeit. Ich liebe es, Patienten zur Seite zu stehen, generationenübergreifend zu trösten und den Tod als Teil des Lebens ertragbar zu machen. Die Patienten bei uns erleben keine Schmerzen, und wir stehen ihnen zur Seite, sobald Atemnot sich andeutet. Ich habe meine ganze Zeit auf Station noch keinen Patienten gehabt, der darüber getrauert hat, dass wir keine Sterbehilfe leisten.
In der Schweiz ist man mittlerweile nicht mehr überzeugt von dem Konzept Hilfehilfe. Viel zu viele Angehörige gehen diesen Schritt, nur weil sie keine Last sein wollen. Solange wir in einem kapitalistischen System leben, in dem Langsamkeit, Ohnmacht, Ausgeliefertsein sprachlos mit Schwäche verbunden sind, bin ich gegen Sterbehilfe.
Wenn wir irgendwann eine Welt schaffen, in der Schwache, Hilfsbedürftige und Stille nicht an Wert verlieren, dann können wir als Gesellschaft uns diesen Schritt gönnen. Aber bitte erst dann.
Ira Bischoff Borggräfe, Erfurt
Staatsoberhaupt
taz vom 8. 7. 26
Ob man katholischer Christ ist oder einfach trotz der Bemühungen recht vieler Politiker(innen), auch in führenden Positionen, immer noch an Humanität glaubt, ist man doch recht erstaunt darüber, dass in den USA wohl die Ansicht existiert, der Papst sei in erster Linie ein Staatenlenker. Der Vatikan ist kleiner als manches deutsche Dorf.
Und zumindest in Deutschland würden die meisten Menschen gar nicht wissen, dass er auch ein Staatsoberhaupt ist. Wenn Menschlichkeit zum Vorwurf wird, dann ist das ja so, als sei ein Kipppunkt überschritten. Viele werden sagen, man solle nicht ein Wort verwenden, das in der Umweltpolitik benutzt wird. Ja, Menschen sind keine Bäume …
Peter Gmys, Bornheim
Sonntag im Kaufhaus
taz vom 19. 7. 26
Die Prüffragen sind erstens: Wäre man selbst bereit an einem Sonntag zu arbeiten. Und zweitens: Will man am Sonntag lieber etwas mit seinen Freunden und der Familie unternehmen oder lieber shoppen, weil sowieso die Hälfte arbeiten muss? Dass sich nicht mal die taz für die Belange der Belegschaft einsetzt, ist schon bemerkenswert.
Der Sonntag ist eben gerade der Tag, an dem viele Zeit haben einschließlich des Samstagabends davor. Er ist vor allem auch der Tag des Amateursports. Und es soll sogar Leute geben, die sonntags einen Schaufensterbummel machen.
Uwe Eckert, Berlin
Kaum Widerstand
„So macht man es Vätern leicht“,
taz vom 23. 7. 26
Was überrascht Sie? In Norwegen gibt es doch im Gegensatz zu Deutschland keinen (gerade unter einigen methodologisch nationalistischen Autor:innen in der taz) verbreiteten ideologischen sowie rechtspolitischen Widerstand gegen das Wechselmodell beziehungsweise die Doppelresidenz als gesetzlichen Regelfall nach Trennung und Scheidung, während nationaldeutsche Familiengerichte und familiäre Professionen aus der milliardenschweren Streitbewirtschaftungsbranche oft genug eher Dar- und Herstellung von Strittigkeit (Streit-Werte und so weiter) erreichen und verargumentieren.
Felix Heinert
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