heute in bremen: „Trinken, sprechen, in die Kerzenschauen“
Foto: privat
Diemut Meyer, 54, ist Pastorin der Kulturkirche St. Stephani.
Interview Lea Schweckendiek
taz: Frau Meyer, Sie verbringen den heutigen Heiligen Abend in der Kirche statt zu Hause. Was sagt Ihre Familie dazu?
Diemut Meyer: Meine Familie kennt das und ich selbst kenne es auch von klein auf. Ich bin sehr gerne Pastorin und freue mich sehr, dass ich an diesem Tag den Menschen die Kirchentür aufmachen darf.
Was unterscheidet die Kulturkirche von anderen Kirchen?
Wir haben keine Ortsgemeinde, sondern eine „Kulturgemeinde“ an der Schnittstelle von Musik, Kunst, Kultur und Kirche. Mit sehr unterschiedlichen Gästen. Das macht es spannend und innovativ. Kulturelle Ausdrucksformen treten mit der biblischen Tradition in Dialog. Der Kirchenraum ist offen für Experimente.
Jazzmusik ist nicht die klassischste Begleitung von Gottesdiensten. Wie kamen Sie zu der Idee der „Holy Jazz Night“?
Meine Gemeinde ist ja auch nicht die klassischste Gemeinde – man könnte sie als Kulturgemeinde begreifen. Wir versuchen, die Gedanken, die Weihnachten ausmachen, die Weihnachtsgeschichte und Gebete mit Jazzmusik zu verbinden. Als Kulturkirche können wir neue Formate schaffen und sie auch selbst mit Leben füllen.
Wie halten Sie es mit Konzertbesucher*innen, die keine Kirchenmitglieder sind oder anders glauben?
Holy Jazz Night: Konzert, Gebet und Lesung, ab 23 Uhr in der Kulturkirche St. Stephani, Stephanikirchhof
Ich frage ja an der Kirchentür nicht nach Konfession oder Religion – alle, die an dem Abend Sinn, Musik und Gemeinschaft suchen, sind eingeladen und herzlich willkommen. Und nach der Holy Jazz Night können alle noch bleiben. Trinken, sprechen, in die Kerzen schauen, ich mache die Tür erst dann zu, wenn der letzte gegangen ist.
Welche Rolle spielt Weihnachten für Sie?
Das für mich wichtigste Fest des Kirchenjahres ist theologisch gesehen Ostern, denn da geht es um den Tod als starken Kontrahenten des Lebens und darum, dass er mit der Auferstehung eben nicht länger der Tod ist. Weihnachten und Ostern gehören aber zusammen – deshalb finde ich auch die Bedeutung von Weihnachten sehr wichtig. Man erzählt sich schon seit 2000 Jahren die Weihnachtsgeschichte. Für mich spricht sie vom Wunsch nach Frieden, den wir bitter nötig haben. Sie sagt: Nichts muss bleiben, wie es ist.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen