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großraumdiscoTheaterabend mit Bier und Bockwurst: Ein Sturm erobert Dessau-Roßlau

Shakespeares Sturm weht durch Sachsen-Anhalt: Jeden Sommer verwandelt sich die Burg Roßlau in eine bunte Bühnenlandschaft

Ein Sturm braust auf in der Wasserburg in Dessau-Roßlau: Zwischen meterlangen, farbenfrohen Stoffbahnen kraxeln, tanzen und singen hier Schau­spie­le­r*in­nen aus Berlin mitsamt Roßlauer Komparserie. In aufwändig handgenähten bunten Kostümen spielen sie Shakespeares „Der Sturm“ – in einer doch recht stark bearbeiteten Fassung.

Im Altenheim „Abendfrieden“ geht es dröge zu, die Senior*in­nen verwelken regelrecht. Justus Carrière, der unter anderem in der DDR-Serie „Einzug ins Paradies“ mitspielte, stellt den Heimbewohner Herr Kiefer dar: ein ehemaliger Schauspieler, der unbedingt ein letztes Mal auf der Bühne stehen will. Das ganze Heim samt Mit­ar­bei­te­r*in­nen führt mit ihm, nach anfänglichen Protesten den „Sturm“ auf. Herr Kiefer darf den Herzog Prospero spielen: die Hauptfigur.

Das Sommertheater auf der Wasserburg in Dessau-Roßlau spielt bereits im 29. Jahr. Jedem Sommer behandelt das Ensemble, das überwiegend aus (ehemaligen) Stu­den­t*in­nen und Do­zen­t*in­nen des ­Michael Tschechow Studios Berlin besteht, einen anderen ­Theaterstoff. Zuletzt etwa ­„Michael Kohlhaas“, das Lustspiel „Pension Schöller“ oder „Der Meister und Margarita“.

Fest zum Theaterbesuch gehört das gemeinsame Abendessen: Die meist etwas älteren Be­su­che­r*in­nen kommen bereits zwei bis drei Stunden vor Aufführungsbeginn aus Dessau, Roßlau und Umland zusammen. In der Gaststätte Am Schlossgarten bestellen sie Pizza, Pasta und Birnenbecher mit Sahnehäubchen und lassen sich die Gesichter von der Abendsonne wärmen.

Erst kurz vor acht Uhr kommen Hüftgelenke wieder in Bewegung, auf zur Burg. Bevor es mit Theaterschauen losgehen kann, müssen noch die Karten an der Abendkasse abgeholt und die Fassade der Burg fotografiert werden. Hübsch genug ist sie ja, mit ihren sandfarbenen Mauern und großen Fenstern aus Buntglas.

Nachdem Schauspielerin und Produzentin Elisabeth Taraba am Eingang Decken verteilt hat („Später wird’s frisch“), legt sie sofort los. Das schnatternde Publikum verstummt allmählich, ganz ruhig wird es jedoch nie. Eine Anspielung auf einen toten Wal führt zu „Timmy!“-Rufen aus dem Publikum. Die Witze über das Roßlauer Umland kommen gut an, auch die Seniorenheim-Story trifft einen Nerv: Mit einem Durchschnittsalter von 48,3 Jahren hatte Sachsen-Anhalt 2024 die älteste Bevölkerung Deutschlands.

In der Pause gibt es natürlich auch Verpflegung; mit Bier und Bockwurst im Magen lässt sich die zweite und längere Hälfte noch besser genießen. Humor und Musik machen diese Abende aus: Ein immer wieder rein quatschender Gast in der ersten Reihe wird von Schauspieler Andreas Klopp mit Wasser bespuckt. Es folgt schallendes Gelächter. Jona Hansen spielt den hinterlistigen Hexensohn Caliban und führt gemeinsam mit Musiker Karl ­Neukauf eine Rockhymne auf, die an Performances der Band Kiss erinnert. Die überzeichneten sexuellen Anspielungen und Avancen des Caliban gegenüber Antonio locken beim Publikum jedoch eher peinlich berührte Zurückhaltung als wohlwollendes Gelächter hervor.

„Der Sturm“ wird noch bis zum 16. August im Innenhof der Wasserburg Roßlau aufgeführt. Info: www.burgtheatersommer.de.

Hin und wieder gibt es auch einen kleinen politischen Denkanstoß. Das Liebespaar Miranda und Ferdinand, gespielt von ­Ännie Engelhardt und Paul Pinkowski, malt sich eine gemeinsame Welt aus: ohne Faschismus und Diskriminierung, mit Umverteilung der Gelder. Der Ortsbürgermeister Laurens Nothdurft (AfD) saß dieses Jahr noch in keiner Vorstellung, dafür seine Frau.

Am Ende ist jedoch Schluss mit lustig: Als eine wichtige Figur stirbt, schnieft es aus den hinteren Reihen, Taschentücher werden gezückt und tupfen feuchte Augenwinkel ab.

Mit großem Applaus verabschiedet sich das Ensemble schließlich in die wohlverdiente Nachtruhe, jedoch nicht, ohne auf weitere anstehende Veranstaltungen hinzuweisen: Improvisationstheater und kostenlose Kindermärchen gebe es noch, auch ein Jugendtheaterworkshop und ein Konzert von Neukauf stünden an.

Die Witze über das Roßlauer Umland und die Seniorenheimstory kommen gut an

Ann Toma-Toader

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