großraumdisco: Die Wiedergeburt des Tischtennisaus dem Geiste der Start-up-Szene
Bei Ding Dong Ping Pong im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg gibt es die Ballwechsel auf einer App. Sogar die Rotation des Topspins wird gemessen
Da versammeln sich 20 Leute im Kreis, jeder stellt sich auf Englisch mit Namen vor und erzählt kurz, warum er hier bei Ding Dong Ping Pong im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg gelandet ist, um jetzt zwei Stunden lang Tischtennis zu spielen. Einer gibt an, für ihn gebe es kaum etwas Schöneres, als ein paar Plastikbälle über das Netz zu jagen und dazu ein Bier zu trinken.
Das Bier für den Tischtennisspieler, erklärt später Waldemar Zeiler, einer der beiden Betreiber von Ding Dong Ping Pong, müsse warten. Alkohol sei hier in den Räumlichkeiten, die eher an ein schickes Start-up-Büro als an eine muffige Mehrzwecksporthalle erinnern, nicht erlaubt.
Es zeigt sich schnell, dass aber auch niemand hierher gekommen ist, um angeschickert ein wenig Rundlauf zu spielen wie in einer Tischtennisbar. Vielmehr versammeln sich alle in Sportklamotten an den fünf Platten, die in einem ehemaligen Laden für Haushaltswaren – Conny’s Container – aufgestellt wurden, bilden Doppelpaarungen und hauen sich konzentriert die Bälle um die Ohren. Nur drei Frauen sind mit dabei, nicht ungewöhnlich für den männlich geprägten Sport. An den Tischen wird vornehmlich Englisch gesprochen, viele hier sind Ex-Pats. Vom Jugendlichen bis zur Rentnerin reicht das Altersspektrum, die meisten aber dürften zwischen 30 und 40 sein. Und alle können bereits ganz ordentlich spielen.
Seit Mai letzten Jahres gibt es Ding Dong Ping Pong. Doch an wen richtet sich dieser Ort? Reichen die vielen Freiluftplatten in der Stadt, die Tischtennisvereine, Sportcenter und Kneipen mit einer Platte im Nebenraum nicht aus, um jedem, der gern mal einen gummierten Holzschläger in die Hand nimmt, das Passende zu bieten? Braucht es da wirklich noch einen Ort ausschließlich für Tischtennis, an dem man für jede Stunde extra bezahlt?
Offensichtlich schon. An den Wochenenden sei man immer so gut wie rund um die Uhr ausgebucht, sagt Zeiler. Rund um die Uhr ist dabei wörtlich zu nehmen, da Ding Dong Ping Pong praktisch nie schließt und sich für jede Tages- oder Nachtzeit die Platten per Handyapp buchen lassen.
Inzwischen wollen alle wissen, warum Ding Dong Ping Pong so gut funktioniert, sagt Zeiler. Wöchentlich komme gerade jemand von irgendwoher aus der Republik vorbei, um sich nach dem Konzept zu erkundigen. In vier Wochen werde der erste Ableger von Ding Dong Ping Pong eröffnen, in Essen, weitere in anderen Städten sollen folgen, und in Berlin wird demnächst mit einem zweiten Laden in Prenzlauer Berg expandiert. „Friendchise“, nennt Zeiler dies, was man wohl als „Franchise unter Freunden“ übersetzen soll.
Zeiler kommt aus der Start-up-Welt, und in dieser versteht man sich bekanntlich darauf, eine Geschäftsidee immer auch als Beitrag zur Verbesserung der Menschheit zu adeln. Tatsächlich hat Zeiler in der Gründerszene einen durchaus schillernden Ruf. Mit einer seiner Firmen wollte er bereits mit veganen Kondomen groß herauskommen. Ein Tischtennisladen erscheint da wie eine weitere verrückte Geschäftsidee.
Wer in Berlin Tischtennis im Verein spielen will, hat große Auswahl: Fast 100 gibt es in der Stadt. Den Tischtennisfilm „Marty Supreme“ mit Timothée Chalamet wird man ab 26. Februar auch in vielen Kinos sehen können. Besonders frisch geht es aber im schicken Kino International an der Karl-Marx-Allee, das mit dem Film nach fast zweijähriger Sanierung wieder die Türen öffnet.
Die Tischtennisplatten in seinem Laden seien vom Feinsten, sagt er. Der ausgelegte Boden: wie bei den Profis. Die Trainer und die Trainerinnen des Hauses: die Besten der Stadt. Und dazu noch all die herrlichen Gimmicks. Ballwechsel kann man sich auf seiner App zur Nachbetrachtung herunterladen, und wer mag, kann messen lassen, wie viel Rotation man in seinen Topspin bekommt.
Alles Schnickschnack, werden da die Traditionalisten sagen. Doch um junge Leute für Tischtennis zu begeistern, kommt so ein Update vielleicht gerade recht. Seit Corona boomt dieser Sport schließlich in Deutschland, und jetzt läuft ab Ende Februar auch noch „Marty Supreme“ in den deutschen Kinos, ein Tischtennisfilm, der wirklich gut sein soll und das Revival weiter befeuern dürfte.
Man darf dann noch zwei Sätze im Doppel an der Seite von Zeiler spielen. Wir gewinnen haushoch, und mein Partner freut sich. Läuft gut mit dem Start-up. Andreas Hartmann
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