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ejectARNO FRANK ueber den naechtlichen Schroeder auf CNN

„Thank you so much, Mr. Chancellor“

Nachts, wenn Deutschland schläft, stiehlt sich Gerhard Schröder auf Zehenspitzen aus dem Schlafzimmer. Tastet sich in völliger Dunkelheit den Gang hinunter in sein Büro, wo ihn schon die hektische Betriebsamkeit eines provisorischen Studios erwartet. Kamera, Lichtwanne, Puderdöschen. Freundliche Mitarbeiter verkabeln den Kanzler. Nun muss nur noch die röchelnde Kaffeemaschine abgestellt werden, und schon kann’s losgehen: Der Kanzler spricht zur Nation. Nicht zu seiner eigenen, die pennt ja noch, sondern zu den USA, die haben gerade Primetime.

Wenn CNN der ideale Multiplikator für Bilder von weltweiter Strahlkraft ist, dann hat das amerikanische Bombardement Afghanistans schon längst begonnen – mit den Reissäcken in Flüchtlingslagern an der pakistanischen Grenze, auf denen deutlich der Schriftzug USA prangt. Tony Blair etwa hinterlässt, ungeachtet seiner tatsächlichen Bemühungen um was auch immer, einen eher verschwitzt umtriebigen Eindruck. Welche Bilder produziert Gerhard Schröder?

Zunächst mal – ein Novum für manchen Amerikaner – ist Schröder nicht Hitler, ist Schröder auch nicht mehr der Dicke, an dessen Anblick man sich schon gewöhnt hatte. Stattdessen: ein Staatsmann, der Staatsmännliches von sich gibt. Ernst, getragen und – weil auf Deutsch – hollywoodesk synchronisiert. Vor einem Regal, das sich unter der Last wahrscheinlich staatstragender Enzyklopädien biegt, und neben einer deutschen Fahne, die plötzlich um ein paar europäische Sterne ergänzt ist. Larry King will wissen, wie unbegrenzt die „unbegrenzte Solidarität“ Deutschlands ist, von der Schröder gesprochen hat – das wollen die Leute auch hierzulande wissen. Des Kanzlers Auskunft: „Unbegrenzt“, et cetera ad finitum. Aber da wir gerade bei der Wirkungsmacht von Bildern sind: Selbst der Schriftzug von CNN sieht, wenn man ihn nur lange genug anstarrt, wie ein exotischer, vielleicht arabischer Schriftzug aus. Nur Schröder bleibt Schröder.

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