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doppelblindWie groß der genetische Anteil am Altern wirklich ist

Worum geht’s?

Warum werden manche Menschen sehr alt und andere nicht? Diese Frage beschäftigt die Menschheit. Lange ging die Forschung davon aus, dass Gene dabei nur eine Nebenrolle spielen. Entscheidender seien Lebensstil, Umweltbedingungen oder auch die soziale Lage, gemeint sind damit etwa der Zugang zu schadstoffarmer Luft, sauberem Trinkwasser und zur Natur, eine gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung. Doch nun stellt eine neue Studie die bisherige Gewichtung infrage.

Die Studie

Ein internationales Forschungsteam hat Daten aus Zwillingsstudien in Schweden und den Vereinigten Staaten neu analysiert. Untersucht wurden mehrere Tausend Zwillingspaare, geboren zwischen dem späten 19. und dem frühen 20. Jahrhundert. Da eineiige Zwillinge genetisch fast identisch sind, können Forscher durch den Vergleich ihrer Lebensdauer und Todesursachen Rückschlüsse zum genetischen Anteil ziehen.

Anders als frühere Arbeiten betrachteten die Forschenden in dieser Studie aber nicht nur das tatsächliche Sterbealter, sondern unterschieden zwischen zwei Arten von Todesursachen: intrinsische und extrinsische. Äußere Todesursachen können Menschen in jedem Alter treffen – etwa ein Verkehrsunfall oder eine Infektionskrankheit – und haben wenig mit genetischer Veranlagung zu tun. Werden sie nicht herausgerechnet, erscheint der Einfluss von Umweltfaktoren größer, als er für den biologischen Alterungsprozess tatsächlich ist.

Mit einem mathematischen Modell isolierte das Team deshalb die sogenannte intrinsische Mortalität, also die Sterblichkeit, die auf das Altern und altersbedingte Erkrankungen zurückgeht. Das Ergebnis: Rund 50 bis 55 Prozent der Unterschiede in der menschlichen Lebensspanne könnten wohl genetisch erklärbar sein. Das ist deutlich mehr als frühere Schätzungen, die von 20 bis 25 Prozent ausgegangen waren.

Was bringt’s?

„Innerhalb dieser biologischen Grenzen bleibt jedoch großer Spielraum“, kommentiert die Biologin Chiara Herzog vom King’s College London die neue Studie gegenüber dem Science Media Center. Die Ergebnisse bedeuten folglich nicht, dass unser Lebensalter genetisch festgelegt ist. Die berechnete Erblichkeit ist ein statistischer Wert für Populationen, keine Vorhersage für einzelne Menschen. Auch für den Alltag ändert sich wenig. Lebensstil und soziale Faktoren bleiben relevant. „Die Ergebnisse dieser Arbeit werden mich definitiv nicht dazu bringen, wieder zu rauchen“, sagt Steve Hoffmann, Bioinformatiker am Leibniz-Institut für Alternsforschung in Jena.

Neue wissenschaftliche Studien stellen wir jede Woche an dieser Stelle vor – und erklären, welchen Fortschritt sie bringen. Sie wollen die Studie im Internet finden? Jede hat einen Code, hier lautet er: doi.org/10.1126/science.adz1187

Für die Forschung können diese Ergebnisse dennoch wichtig sein. Sie zeigen, dass frühere Studien den genetischen Einfluss möglicherweise unterschätzt haben, weil sie äußere Todesursachen nicht ausreichend berücksichtigt haben. Langfristig könnte das helfen, die biologischen Prozesse des Alterns besser zu verstehen. Rumeysa Ceylan

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