die wahrheit: Das Wunder von Wald

Potzblitz! Diesen Tag werden sie nie vergessen in der kleinen Gemeinde Wald im Ostallgäu, als an diesem 5. Januar plötzlich das Sturmtief "Andrea" übers Allgäu fegte...

Der Kirchturm des Örtchens Wald ist völlig ausgebrannt, nachdem der Blitz eingeschlagen ist. Bild: dpa

...Dann ein fürchterlicher Schlag, zwei helle Blitze am Kirchturm. Zunächst sieht es so aus, als wäre es wie jedes Mal, wenn in den Sechzig-Meter-Turm der Blitz einschlägt. Ist dem Kirchturm ja immer wieder mal in seinen über 500 Jahren passiert. Ohne dass was Schlimmeres geschehen wäre. Aber diesmal …

Es dauert vom Einschlag bis zu dem Moment, als die ersten Rauchschwaden aus dem Kirchturm aufsteigen, auch fast eine knappe Stunde. Dann aber steht der Turm in hellen Flammen, die Feuerwehren kämpfen gegen starken Funkenflug an, müssen sich schließlich fast geschlagen geben, die Turmspitze ist nicht zu retten und brennt fast vollständig aus.

Jetzt, zweieinhalb Wochen später, schweben hoch oben über dem ausgebrannten Kirchturm Arbeiter in einer Gondel an riesigen Kränen und tragen Stück für Stück ab von den Teilen, die noch lose in der Luft hängen. Beim Blitzschlag sind auch zwei der vier Glocken in den Turm gestürzt, sagt Bauleiter Manfred Guggemoos. "Die sind wohl unter den Schuttbergen begraben, und die vier, die noch hängen, sind spröde und rissig, sie werden wohl beim Bergen zerbrechen." Unten am Boden sieht es aus wie nach einem Riesen-Mikado-Spiel. Balken liegen kreuz und quer herum.

Dieses Bergen wird eine weitere Herausforderung für die schwindelfreien Spezialisten oben an ihrem Haken. Dann wirds eng, drin im völlig ausgebrannten Turm, in den sie sich Meter für Meter hineinhieven lassen.

Apropos Turm. Bürgermeister Josef Ampßler meint: "Warten Sie mal einen Moment." Dann verschwindet er kurz und kommt mit einem gut einen Meter langen Metallstab zurück. "Das ist die Kirchturmspitze, die haben wir bislang unter Verschluss gehalten, die Kriminalpolizei will sie zu Schulungszwecken", sagt der Rathauschef und zeigt auf einen kleinen Punkt an der Kirchturmspitze.

"Da, genau da, ist der Blitz reingefahren, ich hätte auch gedacht, dass diese irre Wucht die Spitze regelrecht zerfetzt. Hat sie aber nicht - stattdessen nur ein Punkt!" Eine schmale rostige Stelle sieht man, wie von einem breiten Tesastreifen. Das war der Blitzableiter, der ist durch die ungeheuere Wucht des Blitzes einfach weggeschmolzen.

Sie sprechen in dem kleinen Allgäuer Ort mit den schneebedeckten Bergen im Hintergrund viel von einem Wunder, darüber, dass zum Glück niemand in der Sakristei war, als der obere Teil der Kirchturmspitze mit ungeheuerer Wucht und wie ein überdimensionaler Pfeil nach unten geschossen ist und sich eben in die Sakristei gebohrt hat. Ein riesiges Loch klafft im Dach. Und froh sind sie auch, dass die umliegenden und eng an die Kirche im Dorf gebauten Häuser nicht beschädigt und dass niemand verletzt wurde. Jetzt wollen sie zusammenstehen und ihren Kirchturm wieder aufbauen. Der Bürgermeister hat deshalb auch schon eine Arbeitsgruppe gebildet. Die Feuernacht aber werden sie hier draußen im Ostallgäu auch in 500 Jahren nicht vergessen.

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