die ortsbegehung: Vom Fliegenpilz, der zum Glückspilz wurde
In Regensburg steht ein als Fliegenpilz gestalteter Kiosk aus den 1950er Jahren. In den 2020ern half er, den Drogenhandel einzudämmen. Ein ostbayerisches Märchen
Aus Regensburg Klaus Irler
Diese Geschichte hat in den 1950er Jahren ihren Anfang, es soll wieder aufwärtsgehen in Deutschland, wirtschaftlich und mental. In Wangen im Allgäu baut die Firma Waldner Maschinen für die Milchproduktion, inspiriert vom örtlichen Kuhaufkommen und laut Selbstdarstellung weltweit erfolgreich.
Der damalige Chef Anton Waldner ist Anfang 30 und ein Geschäftsmann mit Weitblick: Wo Milch ist, braucht es Milchtrinker*innen, also muss der Milchdurst angekurbelt werden. Waldner denkt sich einen Kiosk aus, an dem Milch verkauft werden soll. Der Kiosk soll klein und schnell aufzubauen sein.
Rote Kappe, weiße Punkte
Ob mithilfe von Halluzinogenen ersonnen oder auch nicht: Waldner gibt dem Kiosk die Form eines überdimensionalen Fliegenpilzes. Ein Kiosk mit 4,80 Meter Durchmesser, über 4 Meter hoch, rote Kappe, weiße Punkte.
Daran kommt niemand vorbei: die alten Säcke nicht, die den Milchpilz für eine amerikanische Albernheit halten; die Kinder nicht, die Fliegenpilze aus Märchen und den „Lurchi“-Comics dieser Zeit kennen; die Jugendlichen nicht, die beim Milchpilz einen mondänen Bananenshake trinken – den alten Säcken zum Trotz.
Waldner verkaufte insgesamt 49 Exemplare des Milchpilzes, einer davon geht nach Regensburg. Ein Milchpilz in Ostbayern? Nein, in Regensburg heißt er Milchschwammerl. Oder auch nur Schwammerl. Sein Standort ist in einer Parkanlage zwischen Bahnhof und Innenstadt.
Der Regensburger Milchpilz steht seit 2003 unter Denkmalschutz und hat viel erlebt: Die Milch ist ihm abhandengekommen in einer Phase, in der er als Dönerbude genutzt wurde.
Den Optimismus hat er verloren, als um ihn herum der Drogenhandel florierte und es auf einmal hieß, Regensburg habe einen Brennpunkt. Eine No-go-Area im pittoresken Regensburg. Ausgerechnet um das Schwammerl herum. Das war die Lage Anfang des Jahrzehnts. Und heute geht es dem Schwammerl so gut wie lange nicht.
In die Brennpunktzeit hinein kam Florian Rottke, der das Schwammerl im Jahr 2022 übernahm. Rottke hatte zunächst mit Jugendlichen zu tun, die am Schwammerl Lachgas aus Sahnekapseln konsumierten, und mit zwei bis drei Leuten, die zwar dealten, dies aber geräuschlos.
Danach, im Frühjahr 2023, wechselte das Milieu. Die Dealer wurden mehr, sie wurden lauter und aggressiver. „Die waren auf Krawall gebürstet, es gab Pfeifkommandos, sie hatten Stress untereinander“, sagt Rottke. „Sie haben Passanten angepöbelt und Frauen nachgepfiffen. Dann ist das in der öffentlichen Wahrnehmung eskaliert.“
Die Dealer, das war schnell klar, kamen aus dem Regensburger Ankerzentrum für Geflüchtete. Für die örtliche AfD und für Teile der Presse ein gefundenes Fressen: von einem „Ort der Angst“ und „Migranten-Gangs“ war zu lesen, und dann machte auch noch die Nachricht von einer Vergewaltigung die Runde. Später stellte sich heraus, dass die Vergewaltigung eine Erfindung gewesen war. Aber der Politik reichte es so oder so: Die Polizei stellte dem Schwammerl einen dauerparkenden Streifenwagen zur Seite, baute neue Straßenlampen auf und installierte eine Videoüberwachung. Das verdrängte die Dealer. Problem offiziell gelöst, inoffiziell geht es in einer anderen Ecke weiter.
Florian Rottke gehört selbst dem Regensburger Stadtrat an über ein Mandat der sozial-progressiven, von Ex-SPDlern gegründeten Partei Die Brücke. Das Mittel der Videoüberwachung ist ihm nicht sympathisch, aber, so schrieb er in einem Gastbeitrag für die deutsch-türkische Zeitschrift Haber, „hier im Park ist sie vielleicht für den Moment eine notwendige Unterstützung“.
Der Pilz in einer integrativen Rolle
Die Rolle des Schwammerls sieht er als integrativ an, es sei ein Ort des Austauschs. Als die Lage noch nicht eskaliert war, tranken die Dealer bei ihm ihren Espresso, und die Polizei wollte wissen, wie die Lage ist. Rottke hat versucht, eine Brücke zu bauen – dem Programm seiner Partei entsprechend.
Die Besonderheit
Der Regensburger Pilzkiosk ist einer von acht Kiosken seiner Art, die noch in Betrieb sind. Produziert und ausgeliefert wurden zwischen 1950 und 1958 insgesamt 49 Stück.
Das Zielpublikum
Menschen mit Interesse an gutem Kaffee. Im Einzelnen konkretisiert: Zugreisende, Passant*innen, Radfahrer*innen und Tänzer*innen.
Hindernisse auf dem Weg
Für Zugreisende die Deutsche Bahn. Ferner eine Straße mit Zebrastreifen und ein Laternenpfahl mit Lampen und Überwachungskamera.
Als die Gangart der Dealer rauer wurde, halfen keine Brücken mehr. Rottke versuchte trotzdem zu deeskalieren – Alarmismus gab es seitens der Boulevardpresse genug.
Und dann passierte noch etwas: Das Schwammerl zog am Konflikt unbeteiligte Menschen an – einfach deshalb, weil es dort einen guten Kaffee in guter Atmosphäre gab. Für die sorgte Rottke mit Ideen wie dieser: Wer mag, kann für seinen Kaffee doppelt bezahlen, und wer kein Geld hat, kann fragen, ob jemand doppelt bezahlt hat. Falls ja, kriegt der*die Geldlose einen Kaffee spendiert. Von unbekannt.
Kürzlich wurde außerdem gegenüber vom Schwammerl eine Open-Air-Tanzfläche eingeweiht. Dort trifft sich nun im Sommer unter anderem die Regensburger Tangoszene zum Freilufttanz. Das heißt, der Ort wird belebt. Für potenzielle Drogendealer ist das Gift.
„Der Ansatz ist empfehlenswert“, sagt Rottke. Und so klingt die Geschichte vom Regensburger Milchschwammerl ein bisschen wie ein Märchen: Es war einmal ein Fliegenpilz, der zum Glückspilz wurde.
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