die Wahrheit: Reisen in Rosarot

Angela Merkel, Rüdiger Grube und der weiße Winter. Irgendwo zwischen Creußen und Pegnitz kommt dann die Durchsage: "Wegen Außerplanmäßigkeiten hält dieser Zug für unbestimmte Zeit."

Irgendwo zwischen Creußen und Pegnitz kommt dann die Durchsage: "Wegen Außerplanmäßigkeiten hält dieser Zug für unbestimmte Zeit." Ob es eine verdächtige Tasche, ein Elch auf einer Weiche oder jenes gerade im Dezember vollkommen unerwartete Naturphänomen namens Schnee ist, das auf den hundert Kilometern zwischen Bayreuth und Nürnberg für eine Verspätung von 40 Minuten sorgt, wir erfahren es nicht. Aber die Gesichtszüge entgleisen schon lange nicht mehr, man fügt sich drein.

In den letzten Jahren hat die Bahn hat durch potemkinsche Führung von Wartungsbüchern die Berliner S-Bahn erfolgreich ruiniert. Die Verantwortlichen zockten systematisch mit dem Leben der Fahrgäste. Einst hat man die für die Fälschung von Wahlunterlagen verantwortlichen Politiker zu Gefängnisstrafen verurteilt, die Fälschung von Sicherheitsdokumenten bleibt dagegen ein Kavaliersdelikt für das große Ziel Börsengang. Solange ein kleines Eschede auf dem Weg dorthin ausbleibt, will niemand für schlechte Stimmung sorgen.

Ausgesprochen gut ist die Stimmung bei Angela Merkel und Rüdiger Grube. Die Kanzlerin ziert das Titelblatt der Kundenzeitschrift mobil, sie und der Bahnchef haben sich anlässlich von 175 Jahren Eisenbahn (wenn man die Verspätungen mitrechnet, sogar 350 Jahre) "zum Gedankenaustausch" getroffen. Ein Austausch ist das nicht, die beiden reden aneinander vorbei und arbeiten brav die Stichworte der aktuellen Corporate Identity ab: Klimaschutz, Expansion, Eisenbahngeschichte. Bisweilen finden sich trotzdem Sätze von leuchtender Klarheit, die an die besseren Momente von Radio Eriwan erinnern. "Als Bundeskanzlerin komme ich ja viel herum", weiß das wandelnde Richtlinienkompetenzzentrum zu berichten und erinnert sich an die grässlichen Zeiten in der DDR: "Die Züge waren oft sehr voll, und weitere Fahrten dauerten lange und waren nicht frei von Hindernissen." Zumindest in diesem Bereich geht es heute tatsächlich niemandem schlechter.

Heute ist das erste Hindernis bei einer Bahnreise die veränderte Wagenreihenfolge. Wenn ein gut gefüllter Bahnsteig sich binnen einer Minute kopfüber stülpen muss, bekommt homo homini lupus seine ganz eigene verkehrspolitische Note. Besonders frostig sind die Leute aus der ersten Klasse, die die Plebejer aus der zweiten Klasse verachten und es nicht verstehen, warum es keinen Bahnsteig für sie ganz alleine gibt. Dann sind da die Leute mit richtig viel Gepäck, momentan gern auch mit Wintersportgerätschaften aller Art. Mit dem Snowboard oder dem Langlaufski mähen sie jeden nieder, der sich ihnen in den Weg stellt, und mit einem letzten Ächzen wuchten sie ihr Freizeitgeschirr hinein.

Auch Rüdiger Grube hat Erkenntnisse. Die Bahn AG hat mal wieder zugekauft, diesmal das Tochterunternehmen Arriva. Sie ist nunmehr in elf Ländern vertreten: "Wenn Sie zum Beispiel im Bus durch London fahren, dann sitzen Sie wahrscheinlich in einem unserer Arriva-Busse." Ich zum Beispiel will gar nicht mit dem Bus durch London fahren, ich will nur von Nürnberg zurück nach Berlin. Weil der Zug über Erfurt umgeleitet wird (Baum umgestürzt), braucht der Zug zwei Stunden länger. Eigentlich nur 1 Stunde 57 Minuten, aber kurz vor dem Bahnhof Südkreuz hat jemand ein Einsehen und hält einfach noch einmal fünf Minuten auf offener Strecke. So werden die zwei Stunden Verspätung erreicht, was 50 anstelle von 25 Prozent Entschädigung bedeutet. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.

Das Service-Personal ist in diesen Tagen freundlich bis defensiv beflissen. Auf der Strecke Berlin-Oranienburg (40 Kilometer, 40 Minuten Verspätung) zeigt der Zugführer sein dienstliches Blackberry herum, um den Passagieren zu bestätigen, dass er auch nicht mehr weiß als wir alle, die da warten und aus dem Fenster starren. Im Erfurter Zweistünder gibt es sage und schreibe kostenlosen Kaffee.

Starrt man lange genug nach draußen, weiß man nicht mehr, wie der nächste außerplanmäßige Halt heißen wird und ob wir dort auf Anschlussreisende warten müssen, die in einem anderen Zug auch längst das Raum-Zeit-Kontinuum durchbrochen haben. Die Wirklichkeit franst an den Rändern allmählich aus. Draußen im Winterwald ist alles flauschig weiß und drinnen bei Angela und Rüdiger ist alles flauschig rosarot.

Wenn man im Kundenmagazin zum "BahnShop 1435" weiterblättert, entdeckt man dort den einen Klassiker: die Standard-Bahnhofs- als Armbanduhr. Demnächst wird es auch eine Dalí nachempfundene fließende Uhr im Sortiment geben. Dem Glücklichen schlägt keine Stunde, und Bahnfahren macht glücklich. "Verehrte Fahrgäste. Kann sein, dass wir demnächst ankommen oder abfahren. Über ihre weiteren Reisemöglichkeiten werden wir Sie informieren oder auch nicht."

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kari

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