piwik no script img

„Auch Brutvögel haben bei Hitze zu kämpfen“

Im größten Nationalpark Deutschlands schützen 17 Ran­ge­r*in­nen Pflanzen und Tiere. Dabei stoßen sie nicht immer auf Unterstützung

Interview Valentin Endraß

taz: Frau Dittmann,wie schützt man das Wattenmeer?

Leonie Dittmann: Wir Ran­ge­r*in­nen sind draußen unterwegs und beobachten die Tier- und Pflanzenwelt. Wir achten auch darauf, dass Gesetze und Regeln eingehalten werden. Wenn das nicht der Fall ist, sprechen wir die Leute darauf an.

taz: Welche Schwierigkeiten begegnen Ihnen dabei?

Dittmann: Es kann sein, dass Leute nicht verständnisvoll reagieren, wenn man sie auf ihre Fehler hinweist. Wir versuchen das immer erst mal mit Aufklärung. In den meisten Fällen trifft man auf Zustimmung. Dann gibt es natürlich auch Leute, die sich da weigern oder unfreundlich werden.

taz: Was sind typische Probleme?

Dittmann: Auf dem Wasser kann es sein, dass Schiffe oder Boote zu nah an Sandbänke ranfahren, wo sich gerade Seehunde ausruhen. Das wäre ein typischer Fall, dass die Tiere gestört und ins Wasser gescheucht werden. Sie brauchen aber Ruhezeiten auf den Sandbänken, um zum Beispiel Vitamin D aufzunehmen für den Fellwechsel. Das ist sehr, sehr wichtig.

taz: Und auf dem Land?

Dittmann: Meistens ist es, dass Gebiete betreten werden, die nicht betreten werden dürfen, oder dass wir mit Hundehaltern zu tun haben, die ihren Hund nicht anleinen. Das betrifft häufig Brut- oder Rastvögel. In der Brutzeit kann es sein, dass die Brutvögel von ihrem Nest aufgescheucht werden und wertvolle Zeit verlieren, ihre Küken zu versorgen. Im Winter sind hier wahnsinnig große Schwärme an Zugvögeln, die das Wattenmeer nutzen, um ordentlich Fett anzureichern, um ihre Reise überstehen zu können. Da ist jede Störung ein unnötiger Energieverlust.

taz: Gibt es Situationen, in denen Sie sich mehr Möglichkeiten wünschen?

Frage & Antwort mit Ran­ge­r*in­nen des Nationalparks Wattenmeer, 31.07., 11- 14:30 Uhr, Seebrücken-Vorplatz in St. Peter-Ording

Dittmann: Vor allen Dingen geht es da um mehr Respekt. Wir sind momentan 17 Rangerinnen und Ranger, davon ist ungefähr die Hälfte weiblich. Aber es ist so, dass mir als junger Frau manchmal weniger Respekt entgegengebracht wird als männlichen Kollegen. Ansonsten ist ein Wunsch, dass sich die Schutzgebiete noch ausweiten. Der Nationalpark ist immer noch in einer Entwicklung. Ein Nationalpark sollte mindestens 50 Prozent ungenutzte Fläche haben. Davon sind wir im Wattenmeer noch weit entfernt. Wobei wir viel Meeresfläche haben und da natürlich auch noch andere Sachen eine Rolle spielen.

taz: Wie verändert sich die Natur im Nationalpark durch Extremwetterereignisse, wie etwa Hitzeperioden?

Dittmann: Hitzeperioden zu überstehen, ist für viele Organismen schwierig – etwa für die Tiere im Wattenmeer, wie Würmer, Muscheln und Schnecken, weil sich das Wattenmeer in den flachen Bereichen schneller erwärmt. Gerade wenn das Watt frei liegt, erwärmt sich die Oberfläche schneller. Auch die Brutvögel haben bei Hitze zu kämpfen, die Eier und Küken vor der Hitze zu schützen. Es gibt in den letzten Jahren auch mehr Sturmfluten, die in der Sommersaison stattfinden, als früher. Dann werden eben viele Brutgebiete überspült und das führt dann eben auch zu großen Verlusten.

taz: Was macht Ihnen Sorgen bei Ihrer Tätigkeit als Rangerin?

Leonie Dittmann29, Rangerin im Nationalpark Wattenmeer Schleswig-Holstein

Dittmann: Bei vielen Vogelarten sind die Bestände momentan eher rückläufig. Prädation ist auch ein großes Thema. Das Problem mit eingewanderten Arten wie Marderhund und Waschbär, die viele Küken, Eier und Jungvögel fressen, ist hier auf der Insel aber noch nicht so groß wie auf dem Festland.

taz: Was noch?

Dittmann: Insgesamt auch die Entwicklung in der Gesellschaft. Hier auf der Insel haben wir viel Tourismus. Man denkt immer, die Leute kommen hierher, weil es ein Nationalpark ist und sie die Natur genießen wollen, aber sie verhalten sich dann nicht unbedingt so. Man merkt, dass es da zum Teil weniger Verständnis und Umsicht gibt.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen