das portrait: Kantianer Heiko Pulsist auch nur Mensch
Weil er gezeigt hat, was Nachkriegsdeutschland dem großen Philosophen Immanuel Kant verdankt, hat der Hamburger Privatdozent Heiko Puls den Kurt-Hartwig-Siemers-Wissenschafts‑preis 2019 bekommen. „Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik geht auf Immanuel Kant zurück: ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar‘“, sagte Ekkehard Nümann, Präsident der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung. „Damit ist jedes einzelne Wesen gemeint.“ Die Unteilbarkeit der Menschenwürde könne in Zeiten von Hass, Intoleranz und Ausgrenzung nicht genug betont werden.
Puls hatte sich in seiner Habilitationsschrift mit Kants „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ beschäftigt. Darin zeige der Königsberger Philosoph, „dass die Vernunft als Eigenschaft eines einzelnen Menschen seine Würde begründet“. Jeder Mensch falle somit unter den Würde-Schutz. „Das ist eine weitreichende Zuschreibung“, findet Puls.
Er plädiert dafür, sich mit Kant nicht nur theoretisch zu befassen, sondern ihn für praktische Probleme der Gegenwart heranzuziehen, etwa die vermeintliche Würde von Embryonen oder der Beschneidung von Jungen. Letztere hätte Kant als Eingriff in das Selbstentfaltungsrecht des Individuums abgelehnt.
Puls hat sich zwar philosophisch zu praktischen Fragen geäußert, aber nicht als im engeren Sinne politisch Handelnder. „Ich habe mich immer gescheut, in eine Partei einzutreten“, räumt er ein. Es sei überhaupt selten, dass sich Philosophen aktiv einmischten. Sie hätten zu sehr das komplexe Ganze im Blick und deshalb Schwierigkeiten, sich auf eine Position festzulegen.
Sich mit Moralphilosophie zu beschäftigen, schärfe zwar den Blick für moralische Probleme, sagt Puls, das mache Moralphilosophen aber nicht zu besseren Menschen. Gerade Kant habe eine skeptisches Menschenbild gepflegt und vom Menschen als einem „krummen Holz“ gesprochen. Viel gelernt habe er in menschlicher Hinsicht im Zivildienst in einer Behindertenwerkstatt, den er um ein halbes Jahr verlängerte. Gernot Knödler
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