das ding, das kommt: Rettender Halm
Foto: Horia Varlan/Wikimedia
Bläst die EU-Kommission mit ihrem geplanten Verbot von Einwegplastikartikeln jetzt endgültig zum Generalangriff aufs Abend- beziehungsweise Nachmittagsland? Cocktailpartys, Grillabende, Kindergeburtstage – all diese kulturellen Errungenschaften, diese Orte sorglosen Beisammenseins, an denen wir einfach mal das Leben feiern, sollen künftig Trauerfeiern sein und ohne bunte Trinkhalme zum Kakaoblubbern, ohne Luftballonhaltestangen, ohne Einwegbesteck auskommen? Statt Mikroplastik in Meeresbewohnermägen nun also suppige Roggenhalmreste in der Batida?
Denn das war ja der Auslöser fürs Umschwenken aufs Papier und später, in den 1960ern, aufs unkompostierbare Polyethylen und Polypropylen in Sachen Trinkhalm: Dass das Getränk immer auch nach Wiese schmeckte. Muss aber gar nicht, wussten zwei Norddeutsche schon vor 20 Jahren – wenn man die richtigen Halme benutzt und sie ordentlich abschneidet. Im Harz kamen Marie-Luise Dobler und Sabine Pahlke auf die Idee, Strohhalme wieder aus dem herzustellen, aus dem sie seit Jahrtausenden bestanden: aus Stroh. Heute sitzt die von der gelernten Bauzeichnerin und der Steuerfachgehilfin gegründete Strohmi GmbH in Stockelsdorf bei Lübeck, lässt Roggenhalme Demeter-zertifiziert zwischen Bliestorf und Grinau anbauen, mit Hilfe eines 50er-Jahre-Mähbinders vom Linauer Oldtimer-Klub mähen und von heilpädagogischen Werkstätten und Insassen der Lübecker Justizvollzugsanstalt sortieren, zählen und verpacken.
In alle Welt verkauft haben sie schon in den vergangenen Jahren, vor allem an eher hochpreisige Hotels, Szene-Bars und Edelrestaurants. Und US-Start-ups wie „Straw Straws“ haben die Idee auch längst aufgegriffen. Nun dürfen die norddeutschen Biostrohhalm-Vorreiter*innen mit einem veritablen Boom rechnen. Groß genug ist der Markt ja: Jährlich werden bislang europaweit 36 Milliarden Plastikhalme produziert, kurz benutzt und dann weggeschmissen. (matt)
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