crime scene: Auch die Kanzlerin ist in Gefahr
Dies ist ein seltsames Buch, eines, das man gern liest, obwohl – oder vielleicht auch weil – es viele Erwartungen unterläuft, die mensch allgemein an einen Genreroman hat. Es gibt Thriller, die mit irre spannend geschriebenen Actionszenen punkten. Dazu gehört „Der Prinz“ nicht. Action gibt es jede Menge; aber solche Szenen werden fast immer erstaunlich beiläufig abgehandelt, während zum Beispiel Dialoge oder auch Rückblenden, die Beziehungen zwischen Personen genauer beleuchten, im Vergleich deutlich detailreicher ausgemalt werden.
Gleichzeitig ist das Identifikationspotenzial mit den handelnden Figuren nicht sehr ausgeprägt, denn zu Charakteren werden sie nur ansatzweise; eher sind es schräge Typen. Und was die Handlung betrifft, so ist sie mit „überfrachtet“ gut beschrieben, vollgepackt mit grellen Motiven, die angerissen, aber oft nicht konsequent durchgeführt und insgesamt recht krude kombiniert scheinen: Priester werden gekreuzigt, Frauen entführt, beides bleibt undeutlich motiviert; deutsche Katholiken beten zu Odin und kämpfen gegen den Staat; ständig werden Menschen gewaltsam zu Tode gebracht, und man versteht nicht recht warum, stumpft aber auch schnell dagegen ab. Eine rechtsradikale „Rebellen“-Gruppe versetzt Deutschland in Angst und Schrecken mit Brandanschlägen und Morden. Auch die Kanzlerin ist in Gefahr.
Ein klarer Fall also für die geheimste aller Geheimdienst-Gruppen, deren Chef eine Taskforce zusammenstellt, zu der auch seine Geliebte, die bekannte Investigativjournalistin Dagmara Bosch, gehört sowie der alternde Berliner Polizeipräsident, den er dafür aus dem Puff zerren muss, in dem er gerade die Hosen heruntergelassen hat. Und während sich die Leichen häufen, geht die deutsche Hauptstadt in einem sintflutähnlichen Regen unter, der ganze Straßenzüge absaufen lässt. Es ist ein apokalyptisches und einigermaßen surrealistisches Szenario. Und darin liegt gleichzeitig wohl auch das Geheimnis dieses Romans.
Denn je drastischer die Szenen, desto mehr entfernt sich die Fiktion von der gewohnten Realität, und desto weniger muss einem das Geschehen an die Nieren gehen. Magdalena Parys bedient sich starker Effekte, betreibt aber letztlich keine Gewaltpornografie mit ihren lapidaren Schnappschüssen von sex, crime & violence, sondern kreiert daraus gleichsam ein eigenes Genre. Kann gut sein, dass der Nachname der weiblichen Hauptfigur nicht zufällig „Bosch“ lautet, denn einen Hieronymus könnte man sich als Illustrator dieser wild wuchernden Geschichte gut vorstellen. Fast paradoxerweise liegt über dem Geschehen ein entspannter, cooler Erzählsound und eine Art Humor mit Pokerface darunter, der hintergründig zwischen ironisch, sarkastisch und makaber changiert. Das deutsche Übersetzerduo punktet mit souveräner sprachlicher Lakonie.
Magdalena Parys:
„Der Prinz“. Aus dem Polnischen von Lothar Quinkenstein und Hans Gregor Njemz. Polente Verlag, Wien 2026, 424 Seiten, 20 Euro
„Der Prinz“ ist der zweite Band einer Trilogie, weshalb die Autorin am Ende des Romans zwar die Apokalypse abgewendet hat, aber geschickt noch ein paar Spannungsfäden in der Luft hängen lässt. Wer des Polnischen mächtig ist, kann sich bereits jetzt erzählen lassen, wie es weitergeht mit Dagmara Bosch und ihren Männern, denn Band drei ist kürzlich im Original herausgekommen. Alle anderen müssen warten. Katharina Granzin
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