boulevard der besten: Kranke Kastanienim Besselpark
Karg sah er aus, dieser Park am taz-Haus diesen Winter. Wie prinzipiell ja rot blühende Kastanien eben aussehen – aber im Januar? Totes Gestrüpp. Doch im sechsten Stock des taz-Hauses an der Friedrichstraße, im Panoramaraum, wo das taz-lab-Team alljährlich in dieser Jahreszeit seine Arbeit beginnt, war immer klar: Wenn die Kastanien unten im Park langsam zu knospen beginnen, ist die Arbeit bald geschafft.
Diese Grünanlage, vor fünf Jahren seitens des Bezirks tüchtig mit neuen Gehwegen und Verweilmöglichkeiten aufgemöbelt, wird sich nun aber grundlegend ändern. Denn mindestens 25 Exemplare dieser Bäume sind unrettbar beschädigt, weil sie von einem Bakterium namens Pseudomonas syringae pv. Aesculi befallen sind.
In einer Meldung des Bezirksamts heißt es: „Viele Bäume wirken von außen noch belaubt und vital. Entscheidend ist jedoch der innere Zustand. Der Wasser- und Nährstofftransport kann in äußeren Leitbahnen noch funktionieren, während tragende Bereiche bereits geschädigt sind. Besonders kritisch sind Schäden an Vergabelungen, weil dort Ast- und Stammbruch drohen. Rückschnitte wurden geprüft, reichen laut Bezirk aber nicht mehr aus.“ Dass klimatische Trockenheit plus Bodensiegelung zu den Gründen des bakteriellen Desasters führten, muss vielleicht nicht eigens erwähnt werden.
„Zeitnah“, wie es heißt, werden diese Bäume also gefällt werden müssen. Das ist insofern auch traurig, weil gerade auf den Bänken unter den Bäumen stets eine fein diverse Kiezgesellschaft Platz nahm: Kinder, Jugendliche, Hipster, aus dem nahen Superlebensmitteldiscounter kommende und etwas Ruhe suchende Menschen, die rund ums taz-Haus wohnen – sie werden die belaubten Bäume als Sonnendächer vermissen müssen.
Aus einem Lied der längst gestorbenen Sängerin Alexandra: „Ich fühlte mich bei dir geborgen / und aller Kummer flog davon / Hab’ich in deinem Arm geweint / strichst du mit deinen grünen Blättern / mir übers Haar mein alter Freund / Mein Freund der Baum ist tot …“
Mit diesem melancholisch stimmenden Klassiker der frühen bundesdeutschen Ökobewegung im Ohr rufen wir dem Bezirksamt zu: So verrichtet euer Werk – aber im nächsten Frühjahr, da pflanzt ihr neue Bäume, klimawandelresistent, ja? Jan Feddersen
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