betriebsrat-urteil: Nicht umsonst
Der Personalleiter eines Call-Centers wird zu einer Geldstrafe verurteilt. Der ungewöhnliche Grund für den Richterspruch: Er hat die Gründung eines Betriebsrates behindert. Die Beschäftigten können das Urteil zu Recht als Bestätigung ihrer Bemühungen werten, eine Interessenvertretung durchgesetzt zu haben. Auch wenn sie dafür manch Repressalie in Kauf nehmen mussten.
Kommentarvon RICHARD ROTHER
Möglicherweise entfaltet das Urteil auch eine Signalwirkung über die Friedrichshainer Hotline GmbH hinaus. Noch sind nämlich Betriebsräte in Call-Centern die absolute Ausnahme. Dabei scheinen diese in einer Branche durchaus nötig zu sein, in der die Arbeitsbedingungen vor allem von einem geprägt sind: Unsicherheit und Flexibilität nach Gusto der Chefs. Betriebsräte könnten manchem Wildwuchs einen Riegel vorschieben – gerade auch in der New Economy.
Dennoch bleibt nach dem gestrigen Urteil ein fader Beigeschmack: Von den rund 20 Hotline-Beschäftigten, die zeitnah im Zuge der Auseinandersetzungen um den Betriebsrat entlassen wurden, arbeitet heute keiner mehr im Unternehmen – die meisten wurden nach ihren Arbeitsgerichtsprozessen mit Abfindungen bedacht. Heute gibt es zwar einen Betriebsrat – nur die Initiatoren wurden rausgeschmissen. Seit gestern können sie sich aber umso mehr zu Gute halten: Sie haben nicht umsonst gekämpft.
Umverteilung gegen rechts
Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen