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berliner szenenMein Freund, die Krähe

Zurzeit stelle ich mir oft die Frage, wie es wäre, eine Krähe zum Freund zu haben. Die Frage kommt, weil ich fast täglich sehe, wie sich Horden grauschwarzer Rabenvögel auf dem Kirchturm am Mirbachplatz versammeln. Dabei richten sie ein ungeheures Geschrei an. Es sind Nebelkrähen, habe ich nachgelesen. Laut sind sie, aber weder wüst noch bedrohlich. Sie treffen sich, wie sich Jugendliche vorm Späti treffen. Und so benehmen sie sich auch. Laut und lebendig. Bis jede Krähe ihren Platz gefunden hat. Bis die Begrüßung geschafft ist. Bis alle sitzen und schwatzen. Nebelkrähen sind gesellig, lerne ich. Und Singvögel.

Meine Frage könnte zu überraschenden Ergebnissen führen. Und eines Tages erzählt eine Nebelkrähe mir ihren Tag, wer weiß?

Wenn ich eine Krähe zum Freund hätte, hätte ich hilfreiches Insiderwissen. Ich wüsste, was eine Krähe der anderen erzählte. Ich würde fragen, was sie von uns dächten. Wovor sie sich fürchteten, ja, was sie wohl bräuchten für ein glückliches Krähenleben. Und ich würde auch fragen, wie sie es mit ihren Kollegen hielten, den Rabenkrähen. Die sind schließlich nicht am Mirbachplatz zu Hause. Die halten sich im Westen auf, auf der anderen Seite der sogenannten Krähen-Grenze, deren Grenzfluß die Elbe ist. Trifft man sich vielleicht manchmal in der Mitte? Wo es auch einen Kirchturm gibt? Das würde ich fragen.

Vielleicht ergibt sich aus der Antwort eine Grenzen einreißende Erkenntnis darüber, warum ich beispielsweise nie im Westen Berlins gelebt habe, geschweige denn westlich der Elbe. Möglicherweise stellt mein Nebelkrähenfreund mich mit der Zeit auch anderen Krähen vor. Im Sinne der Völkerverständigung wäre das eine herrlich beflügelte Idee. Dafür würde ich sogar auf einen Kirchturm klettern.

Klaus Esterluss

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