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berliner szenenJetzterstrecht

Es ist Frühling. Auf dem Seitenstreifen der Hauptstraße sprießen die Krokusse neben den Plastktüten mit Hundekacke, und die Fenster des türkischen Bäckers werden geputzt, sodass eine Welle von Glasreiniger herüberströmt. Ich bin missmutig, und das liegt vor allem an der Weltlage und den Wahlergebnissen. Inzwischen ist es jeden Morgen normal, dass man zuallererst die Nachrichten checkt und wieder die nächste Hiobsbotschaft fürchtet. In den Gesichtern der Leute meine ich, meine Sorgen gespiegelt zu sehen.

In der Schlange im Späti wird vor mir diskutiert, was Trump eigentlich will. Es sind zwei ältere Männer, der eine ist dabei, einen Lottozettel auszufüllen, und der andere hat eine Zeitung gekauft. Der Mann mit der Zeitung glaubt, dass sich alles nur um China dreht. „Der will ’ne Allianz mit Russland, um gegen China fit zu sein.“ Der Mann am Lottotisch schüttelt den Kopf. „Nee, das kannste mir nicht erzählen. Das is nur Täuschung. So Ganoven wie Trump und Putin wollen allein durchziehen.“

Vor mir in der Schlange dreht sich einer mit Basecap um und schaltet sich ein: „Trump räumt auf. Dafür bringt er erst mal alles in Unordnung.“ Wir sehen den Mann stirnrunzelnd an. Der Spätimann schüttelt den Kopf: „Wer aufräumt, ordnet ein. Was er macht, ist Chaos. Er richtet sein Land zugrunde, sag ich dir. Und wo bleibt die Menschlichkeit?“ –„Wacht mal auf“, sagt der Mann mit Basecap, „Menschlichkeit ist vorbei.“ „Auf keinen Fall, jetzt erst recht“, sage ich da, aber er greift wortlos seine Zigaretten und verlässt den Späti.

Als er raus ist, gucken wir uns im Viereck an, und der Zeitungsmann sagt: „Ja, so kommt es jetzt auch hier bei uns.“ – „Ach was“, sagt der Lottomann: „Bei solchen Typen war schon vorher was kaputt.“ Und der Spätimann sagt: „Ich spendier einen Kaffee. Wer will?“ Isobel Markus

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